Wenn Londons Bürgermeister einen Roman schreibt, in dem Islamisten Westminster stürmen wollen, kann der Held nur ein dicker Weiberheld mit struppiger Frisur sein, ein exzentrischer Tory – wie Boris Johnson selbst. In den Klubs amüsieren sich dann die Gentlemen darüber, wer von ihnen mit wem in Seventy-Two Virgins gemeint sei. Und bringen sogar einen Trinkspruch an.
Wenn ein deutscher Redakteur unter Pseudonym einen Krimi schreibt, in dem der Ermordete Züge seines Ex-Herausgebers trägt, fragt sich das deutsche Feuilleton, ob er das überhaupt dürfe, ob er seinen Vorgesetzten um Erlaubnis gebeten habe. Der attackierte Angreifer ist Thomas Steinfeld, Leiter des Kulturteils der Süddeutschen Zeitung. Er hat als Per Johansson angeblich zusammen mit einem Arzt Der Sturm geschrieben (Verlag S. Fischer). In ihm wird ein Kotzbrocken mit einer Schaufel erschlagen. Eine wilde Verschwörung. Weil dieser fiktive Chefredakteur ein altes Kindergesicht hat, modische Sachbuch-Bestseller schreibt und Feuilletonisten quält, weiß die Branche: Es kann nur einen solchen geben. Und der heißt Frank Schirrmacher.
Der hat das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgemöbelt und sich dabei Feinde gemacht. Auch Steinfeld sei bei der FAZ „an Schirrmacher gescheitert“ (Der Freitag), wie so mancher sensible Intellektuelle. Darf man den Kerl wenigstens fiktiv ermorden? Die Welt, wo Richard Kämmerlings (ehemals FAZ) Steinfeld enttarnt und herausgearbeitet hat, wer mit wem in „Der Sturm“ gemeint sei, setzt auf Moral: „Rufmord“ heißt es im Online-Nachschlag zum „Skandalbuch“. Ultimativ wird vom SZ-Chef gefordert, Stellung zu nehmen.
Geantwortet hat aber vorerst nur Steinfeld. Ja, er habe das Buch geschrieben, sagte er im Deutschlandfunk. Dass aber mit dem Opfer Schirrmacher gemeint sei, wäre die „radikale Verschwörungsfantasie“ eines Welt-Autors, der offensichtlich ein Problem habe. Die Vermutung sei „völliger Blödsinn“.
Neurotisiert. Die Branche, durchs Lesen von Schirrmachers Spekulationen oder Schreiben für seine Kampagnen nachhaltig neurotisiert, geht in Therapie. Iris Radisch, in der Zeit für komplexe Texte zuständig, konstatiert: Wenn Steinfeld „einen Roman geschrieben hat, in dem er von seinem ehemaligen Vorgesetzten nur mehr Knorpelteilchen übrig lässt – ist das zumindest ein großer Feuilletonskandal, der sich um verletzte Ehre, um Abrechnung und vielleicht auch um die Sehnsucht nach dem ganz großen Erfolg dreht.“ Das sei jedenfalls „auch eine große Peinlichkeit für die Süddeutsche Zeitung“.
Warum eigentlich? Jan Fleischhauer erklärt auf Spiegel Online die „Blutfantasie“ und „inzestuöse Form der Wutliteratur“ mit Frustration. Schirrmacher habe im Gegensatz zu vielen Berufsgenossen nicht Vorbehalte, sondern Ideen. Er betreibe vielleicht eine furchtbare Form von Jahrmarktskultur, aber die sei „tausendmal interessanter als die Gesinnungsabzählerei, die sonst so gerne in den Kulturteilen betrieben wird“. Das trifft es. Nur in solch einem Milieu kann so gespreizt debattiert werden.
Und was sagt Schirrmacher? Liest keine schwedischen Krimis. Das wird Dr. Johansson kränken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)
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