Die Zeit

24.11.2012 | 18:02 |  Norbert Mayer (Die Presse)

Wenn „Die Zeit“ seitenweise über die Zukunft des Journalismus sinniert, muss man das lesen. Immerhin ist das deutsche Wochenblatt mit seinen hohen Ansprüchen höchst erfolgreich.

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Krise, Krisis, Krisen. Dieses Wort, das unserem Nachrichtengewerbe wegen seiner Sensationskraft oft willkommen ist, wird zum Tabu, wenn es die eigene Branche betrifft. Rundum müssen die Printmedien drastisch sparen, spektakulär werden große Titel insolvent, etwa die „FR“ oder die „FTD“. Ein Blatt in einer wehrhaften Hansestadt aber wendet sich mit Vehemenz gegen das Krankjammern. „Die Zeit“ widmet diese Woche einen Leitartikel auf Seite eins und vier große Seiten im Wirtschaftsteil den „Medien im Umbruch“. Gefragt werden Topmanager großer deutscher Verlage, wie man „im Sturm“ mit gutem Journalismus überleben könne.

Der Mediator, ein bescheidener Arbeitnehmer eines seriösen Unternehmens, das heftig über Lösungen nachdenkt, hätte selber eine intuitive: „Her mit dem Zaster! Dann schreiben wir die schönsten Feuilletons.“ Das wäre an sich nicht abwegig. Selbst im VÖZ denkt man neuerdings über eine drastische Anhebung der Presseförderung nach. Was sind 50 Millionen Euro für Millionen Leser, wenn allein die Pendler fürs Verbrauchen von noch mehr Sprit ein Vielfaches geschenkt bekommen? Aber so billig (in der Lösung) und so teuer (für Steuerzahler) darf man in einem wirklich liberalen Blatt nicht sein.


Stärken im Druck und im Netz. Was also sagen die Experten der „Zeit“? Hier sei nur das genannt, was mich überrascht, also nichts über Unmittelbarkeit versus Entschleunigung, Facebook-Hype oder unwiederbringlichen Schwund an Inseraten fürs Gedruckte. Schauen wir uns Sieger an. Zu ihnen zählt laut Götz Hamann „Spiegel online“. Die Internetversion des deutschen Magazins mache seit Jahren Gewinn. Sie ist rasch, seriös, umfassend. Aber auch die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, ein relativ neues Druckwerk, wachse in die Höhe. Sie ist reflexiv, seriös, umfassend, wie eine erweiterte Version der „FAZ“. Glücklich das Medienhaus, das zwei so starke Sachen unter einem Titel hätte, sowohl auf Papier als auch im Netz. Solch überragende Qualität wird ihre Konkurrenz künftig wohl verstärkt auf Tablet-Computern austragen.

Dort wird sich auch ein Großteil neuer, zielgerichteter Werbeformen abspielen. Das ahnen die klügeren Verleger. Mächtige Vorstände, die aus dem Print kommen, wie Mathias Döpfner (Axel Springer) und Julia Jäkel (Gruner Jahr) bereuen, dass sie in den letzten fünf Jahren zu zaghaft an die Veränderungen im Internet herangegangen sind.

Warum aber war das so? Eine Antwort gibt der Chef von „Zeit Online“, Wolfgang Blau: „Ich habe unterschätzt, wie schwierig es für Zeitungsredakteure ist, ihre einmal erlernte berufliche Identität zu hinterfragen und sich auf das Netz wirklich einzulassen.“ Like it or not, Mediator, es wird Zeit für mehr Netzkunde. Hallo User, melde dich!

norbert.mayer@diepresse.com DiePresse.com/mediator

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)

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