nachtkritik.de

Das Fegefeuer des Feuilletonisten ist die Nachtkritik – ein Schnellschuss zu später Stunde ohne Möglichkeit zur Korrektur oder gar zur Reue. Seit das deutschsprachige Theater um "nachtkritik.de" bereichert wurde, ist die Meinungsbildung sogar noch dramatischer geworden.

Große Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des „Faust“. Alle dürfen Würstchen essen gehen oder Rotwein trinken. Nur vereinzelt hängen schäbige Gestalten in den Foyers des Burgtheaters herum, die stammelnd telefonieren oder ungelenk auf viel zu kleinen Laptops tippen. Das ist die schwerste Viertelstunde der Kritiker, sie müssen nun in fünf Sätzen erklären, was sie gesehen haben, warum sie es gerne oder gar nicht so gerne gesehen haben, und überhaupt, ob der Regisseur ein Trottel oder ein Genie oder beides sei.

Mir persönlich behagt das nicht. Während ich im Programmheft prüfe, ob die Schwertfeger tatsächlich Yohanna heißt, höre ich mit einem Ohr, wie ein berühmter Kollege eines berühmten Magazins neben mir den Mephisto fernmündlich in den Himmel hebt und ein noch berühmterer Operndirektor gleich noch seinen Regisseur dazu. Wie soll ich dann den Herrn Hartmann vom Himmel holen? Ich zähle erneut nach, wie viele Schauspieler und Schauspielerinnen heute den Teufel gespielt haben. Zu viele. Und manche hatten nicht einmal Hörner auf.

Es geht aber noch schlimmer. Die Stunde vor Mitternacht. Ein Kollege vom ORF, dessen volles Haar sich zu Hörnern türmt, fragt mich nach „Faust II“, ob ich erschöpft sei. Ich bin total fertig, und mir wird bewusst, dass ich schwitze. Ein Scheinwerfer nimmt mir die Sicht. Ich sage ins Dunkle hinein in einem Satz „matt“, „bemerkenswert“, „Beckett“ und „durchwachsen“. Wahrscheinlich blinzle ich dabei. Das mache ich oft, wenn ich Zeit schinden will. Während der beharrliche Kollege nachfragt, brumme ich zustimmend. Das mache ich immer, wenn ich verzweifelt nachdenke.

Am nächsten Tag sieht alles anders aus. Mehr Licht! Die wirkliche Kritik habe ich fertig und kann nachlesen, was eine geschätzte Kollegin auf „nachtkritik.de“ über den „Faust“ geschrieben hat. Seit es dieses Onlineforum gibt, ist die Diskussion viel direkter, geradezu lebhaft. Kaum ist die „nachtkritik“ im Morgengrauen online gestellt, geben Dutzende Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler ihren Kommentar dazu ab. Wahrscheinlich sind es solche, die nicht beim „Faust“ mitmischen durften. Das würzt die Sache.

Wie also war er, der Hartmann? „Ein Theatermani-Fest“ schreibt Eva Maria Klinger, „Großer Gott!“, „Totales Provinztheater“ kontern die ersten Poster mit „vor Schrecken geweiteten Augen“. Die sind also früher aufgestanden als die Fans und haben in ihre Laptops gehackt wie Moretti nach dem ersten Faust-Monolog. Und wie war der Mephisto? Ich lese die gesammelten Nachtkritiken: Ein „jaulender, bellender und winselnder Hund“ (Salzburger Nachrichten) ist Voss, „der wunderbarste Komödiant nicht nur des Wiener Burgtheaters“ (Kurier) spielt „wie immer virtuos, aber nie zu gefällig“, er ist ein „abgeklärter, verschmitzter Schelm“ (nachtkritik.de), er gibt „alles, was er hat“, er spielt „einen schmierigen, tödlich scharfen Mephisto-Clown“. Sag ich ja.

norbert.mayer@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2009)

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