Hol dir die Bewegung, die dir zusteht!

Bei kleineren Parteien herrscht vor den Nationalratswahlen mindestens so viel Unübersichtlichkeit wie bei großen Bewegungen. Da helfen manchmal auch die schicksten Online-Seiten nichts. Besonders die Grünen leiden unter Spaltungen.

Verwirrende Wortspiele, drohende Krokodile und eine Kandidatin, die ins Schwimmen gerät – vor allem der Online-Pool der Grünen scheint es auf neue Unübersichtlichkeit abgesehen zu haben.
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Verwirrende Wortspiele, drohende Krokodile und eine Kandidatin, die ins Schwimmen gerät – vor allem der Online-Pool der Grünen scheint es auf neue Unübersichtlichkeit abgesehen zu haben.
Verwirrende Wortspiele, drohende Krokodile und eine Kandidatin, die ins Schwimmen gerät – vor allem der Online-Pool der Grünen scheint es auf neue Unübersichtlichkeit abgesehen zu haben. – (c) APA/ROLAND SCHLAGER

Bis vor Kurzem war es das Privileg der Liste Stronach, dass dort jahrelang größtmögliche Verwirrung darüber herrschte, wer denn gerade den Milliardär aus Kanada im österreichischen Parlament vertrat, wer von anderen im Niedergang befindlichen Fraktionen dazustieß oder zu anderen bizarren Bewegungen abging. Doch in den Kampagnen für die Wahl am 15. 10. haben andere Listen die Aufgabe übernommen, neue Unübersichtlichkeit zu schaffen.

Spitzenreiter in dieser Disziplin sind diesmal beim Online-Auftritt eindeutig die Grünen. Nicht einmal die Liste Sebastian Kurz (mit der weit größeren alten ÖVP als Reservoir für die neue ÖVP und ihre vielen politisch noch unverbrauchten, ja fast unpolitischen Gesichter) kann in dieser Hinsicht mit der Liste Lunacek-Felipe-et-al mithalten. Wer gehört denn noch zu den Grünen, und wo liegen ihre Alternativen? Unter www.gruene.at beginnen bereits im Banner verwirrende Wortspiele: „Wir machen nicht blau. Das ist Grün“ oder „Sei ein Mann: Wähl eine Frau. Das ist Grün“ wirken nicht gerade identitätsstiftend. Kein Wunder, dass im ersten Video-Clip darunter eine Frau ins Schwimmen gerät, selbst wenn darüber steht: „Österreich verdient Haltung. Das ist Grün.“ Dazwischen geschnitten werden Krokodile und Haifische. Ein wenig färbt die Panikmache auch auf die besorgt dreinblickende Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek ab, die in einem Schwimmbecken wacker ihre Längen absolviert. Sie trägt eine blaue Badehaube.

Ja, Raubtiere lauern überall, sogar im Online-Pool der Grünen. Vielleicht sollte ihr Parteivorstand überprüfen, welche Videos dort auftauchen. Prominent sieht man ein Video von Puls4: „Was denken Grüne über ihre Partei?“ Flora Petrik kommt zu Wort. „Ich bin eigentlich vom Dorf, und da ist es schon eine Besonderheit, wenn man nicht von der ÖVP ist“, sagt die 22-Jährige, die im Frühjahr von der Parteiführung als Sprecherin der Jungen Grünen weggemobbt wurde. Petrik kann man auch auf www.kpoeplus.at sehen, als Listenzweite neben Mirko Messner als Spitzenkandidat und mit dem Spruch: „Sie stehlen uns die Zukunft. Wir holen sie uns zurück!“ Meint Petrik damit die neuen Jungen Grünen, die sie von der JVP unterwandert glaubte? Oder etwas ältere Grüne, die den leitenden Frauen nicht mehr richtig grün sind?

Der prominenteste Dissident, einst revolutionärer Marxist, ist nämlich nicht zur KPÖ und ihrem Plus gegangen, sondern er hat eine eigene Liste gegründet, die inzwischen online noch länger ist als die Kurz-Bundesliste: Unter https://listepilz.at spaltet sich allerhand ab. Peter Pilz war 1986 dabei, als die Grünen mit der Alternativen Liste fusionierten, seit Juli führt er eine Bewegung an, die auf ihrer Homepage schick wie die ÖVP wirkt. Acht Führungskräfte lächeln vom Banner. Das Motto „Ja, es geht!“ passte auch locker zu Türkis – oder Rot. Wer mehr wissen will, sollte unter dem etwas präziseren Leitsatz „Gerechtigkeit, Sicherheit und Schutz unserer Freiheit“ weiterlesen oder Kandidaten samt aufpoppenden Biografien betrachten. Völlig gleichberechtigt kann man das Team in bisher 23 Viererreihen studieren und prüfen, wie viele Grüne, Revolutionäre und sonstige Experten darunter sind.

Bei den Neos darf es auf dem Banner von https://ichtuwas.neos.eu nur einen geben. Matthias Strolz macht in einem pinken Kreis ein Siegeszeichen. Die Fans bleiben im Foto respektvoll auf Abstand. Darunter sind Kandidaten wie bei der Liste Pilz in Viererreihen aufgestellt, bisher nur fünf Reihen. Zu jedem klappt ein Lebenslauf samt Motivationsspruch auf. Nummer 2 etwa, Irmgard Griss, fasst ihr Engagement als „meine 5V“ zusammen: „Veränderung, Verantwortung, Vernunft, Verständnis, Vertrauen.“ Strolz formuliert etwas umständlicher: „Die Freie Chancengesellschaft bedeutet, dass wir Österreich vom Parteienstaat zur BügerInnen-Republik (sic!) umbauen. Wir können das – gemeinsam vorwärts!“ Da kann der wählerische Mediator nur sagen: „Ja, es geht. Veränderung mit Verantwortung ist keine Besonderheit mehr. Sei ein Mann, sei dabei, werde Teil der Bewegung. Nur mit ihr ist ein Wandel möglich. Hol dir dort, was dir zusteht!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2017)

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