Der Vorgang, einst verpönt, Jahrhunderte zuvor sogar gefährlich, ist hierzulande inzwischen alltäglich. Das Mitglied einer Glaubensgemeinschaft weist im Magistrat Meldezettel, Pass und Taufschein vor sowie ein Schreiben, dass er oder sie aus ihrer Kirche austritt. Allein 2010 haben das von noch immer weit mehr als fünf Millionen Katholiken in Österreich 87.393 Menschen gemacht. Die Zahlen sind nach Missbrauchsskandalen auf Rekordniveau. Solche Entscheidungen sind eine ganz persönliche Sache. Man muss erwarten können, dass die Austritte mit Diskretion behandelt werden.
Das werden sie für gewöhnlich auch. Doch ein Pfarrer im Weinviertel zeigte keinen Anstand und veröffentlichte im Pfarrblatt neben anderen Ereignissen in der Chronik der kleinen Gemeinde auch die Namen der Ausgetretenen. Er hat sich für sein Fehlverhalten entschuldigt, angeblich auch persönlich bei allen Betroffenen. Das ist das Mindeste. Doch interessant scheint auch, wie Zeitungen, von denen eigentlich alle recht genau aus eigener Praxis darüber Bescheid wissen, wie man Menschen anprangert, diese Causa präsentieren.
Schwarze Schäfchen. Die schönste Schlagzeile zu dieser peinlichen Geschichte produzierte am Freitag Österreich, die bunteste Zierde der Gratis-Aufklärung: „Die Kirche stellt jetzt Ungläubige an Pranger“, heißt es auf der Titelseite, während im Blattinneren von „schwarzen Schäfchen“ die Rede ist. „Mittlerweile ist der Kirchenmann auf Tauchstation gegangen“, bedauert das Blatt, das ihn beim Predigen ablichtet, weiß aber auch bereits, wie es dem Abgetauchten seelisch geht, denn „der Medienrummel rund um seine Pranger-Aktion ist ihm zu viel geworden“. Wer so viel Einfühlung hat wie Österreich, müsste jedoch auch einräumen, dass schwarze Schafe trotz Kirchenaustritt gute Christen sein können. Denn die Bezeichnung Ungläubiger wird von Muslimen bevorzugt für Orthodoxe, Katholiken und ähnliche religiös anders orientierte Nachbarn verwendet. Kāfir heißt im Koran jeder Gegner Mohammeds. Die letzte Instanz zum Thema, Karl May, lässt Türken und Araber alle Christen als Giauren, als Ungläubige beschimpfen.
Theologisch vorsichtiger, aber spektakulär wie die Inquisitoren der SPÖ beim Thema Steuervergehen präsentiert News die Geschichte: „Liste der Schande. Pfarrer outet Sünder“, heißt es dort online. Das bezieht sich wohl auf das elfte Gebot: „Du sollst nicht austreten.“ Der Dekalog begnügt sich noch mit der Vorschrift: „Du sollst an einen Gott glauben.“ Von einer bestimmten Kirche im Weinviertel ist nicht die Rede. Deren Hochwürden „hat wohl der Teufel geritten“, vermutet das U-Blatt Heute und empfiehlt nach dem „Outing“ streng katholisch: „...jetzt muss er beichten gehen.“ Im nächsten Pfarrblatt soll es erneut tätige Reue geben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)
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