Aus!“ Mit einer kurzen, aber mächtigen Titelzeile kommentiert die deutsche „Bild“-Zeitung jenen Schritt des konservativen Bundespräsidenten, den sie in einer ausführlichen Kampagne seit drei Monaten als unausweichlich gesehen hat. Wulff musste weg. Jetzt, nachdem der in Korruption verstrickte CDU-Mann endlich die Konsequenzen gezogen hat, fragt Kai Diekmann, der Chefredakteur des Springer-Blattes, rhetorisch: „Ist Christian Wulff Opfer einer Medien-Kampagne geworden? Nein. Ist er nicht. Er ist das Opfer seiner selbst geworden.“ Und, wie Diekmann titelt: „Vor dem Gesetz sind alle gleich.“
Aber nicht vor „Bild“.Auf vier Sonderseiten werden genüsslich Rücktritt und Skandal mit präzisen Zeitangaben und knackigen Zitaten zelebriert, werden mögliche Sieger und sichere Verlierer aufgelistet, wird auch daran erinnert, wie der Präsident in die Mailbox-Falle tappte: „So deckte ,Bild‘ die Wulff-Affäre auf.“ Vor drei Jahren hätten die Recherchen um die seltsame Finanzierung von Wulffs Eigenheim begonnen. Im Detail wird dokumentiert, wie aufwendig diese Story war, wie konsequent man sie verfolgte. Es wäre aber nicht das größte Massenblatt Deutschlands, wenn am Tag nach dem Rücktritt nicht auch scheinheilige Besorgnis transportiert würde: „Wie beschädigt ist Angela Merkel?“, lautet eine weitere riesige Titelzeile, „Was bleibt von Christian Wulff?“ „... und wie geht es jetzt seiner Frau?“ zwei weitere. Keine Sorge, „Bild“ hat schon nachgefragt: „Kriegt Christian Wulff jetzt 199.000 Euro Sofort-Pension?“ Man sieht, die Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen.
Staatsanwalt gegen Staatsoberhaupt. Im Vergleich zu den Festspielen bei „Bild“ sieht das Schwesterblatt „Welt“ trotz siebenseitiger Berichterstattung bieder aus: „Projekt Wulff gescheitert“, titelt es, das ist fast so blutleer wie „Bundespräsident Wulff zurückgetreten“ bei der „FAZ“. Alle aber scheinen sich einig in der Konsequenz, die „Der Spiegel“ in der Ausgabe für Montag so sieht: „Staatsanwalt gegen Staatsoberhaupt. Der unvermeidliche Rücktritt“ zeigt Wulff beim Abgang auf dem roten Teppich. Die alternative „taz“ titelt bereits: „Konsenskandidat gesucht“, meint damit wohl Joachim Gauck. Und die „Süddeutsche Zeitung“ weiß schon: „Merkel sucht den Präsidenten für alle.“ Es sei an der Zeit, dass eine Frau Bundespräsidentin werde. Die Münchener empfehlen als Kandidatin – eine wie Merkel. Wenn das bloß keine „Bild“-Kampagne wird!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)
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