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Günter Grass

07.04.2012 | 20:14 |  von Norbert Mayer (Die Presse)

Der Prosadichter Günter Grass glaubt sich nach seiner Israel-Kritik einer Medienkampagne ausgesetzt. Aber er ist nicht nur bei der Hamas und in Gottesstaaten mehrheitsfähig.

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Wer dem deutschen Nobelpreisträger Günter Grass diese Woche in TV-Interviews bei der Verteidigung seines Textes „Was gesagt werden muss“ zuhörte, glaubte, einen Mann vor sich zu haben, der allein gegen die Medien-Mafia kämpfe, die ihn bei der Verkündung der Wahrheit mit Vorwürfen des Antisemitismus störe. Hier irrt Grass! Selbst in Deutschland, nicht nur im Iran, sind ihm Journalisten gewogen. Jakob Augstein etwa, Verleger der Wochenzeitung „Der Freitag“, war am Freitag auf Spiegel online bei der literarischen Bewertung des Pamphlets zwar zurückhaltend, aber für ihn werden diese Zeilen von Grass „einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen.“
Warum glaubt Augstein das? Weil er Erlösung in diesen Zeilen verspürt: „Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: ,Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.‘ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

Auf sich genommen! Das klingt wie ein apokryphes Evangelium des Jakob. Für den Kölner Künstler Gerd Buurmann hat Augstein mit diesem letzten Satz „durchaus die Chance, der Martin Luther des 21. Jahrhunderts zu werden, denn wie bei Martin Luther so ist auch das Verhältnis von Jakob Augstein und Günter Grass zu Juden leicht gestört. Der neue Grassismus hat begonnen, und er gibt schon vor, kaum einen Tag alt, für uns alle zu sprechen!“

Richtig lesen! Kommt jetzt also ausgerechnet zu Ostern eine neue Ersatzreligion für die Deutschen in Mode? Ein Kandidat mit früher Mitgliedsnummer könnte WDR-Korrespondent Thomas Nehls werden. Kurz nach Veröffentlichung der Mahnung des Weisen von Lübeck sagte Nehls im Radio, das Grass-Gedicht könne sogar zur Existenzsicherung Israels beitragen, zu der Deutschland verpflichtet sei: „Man muss es freilich richtig lesen. Und nicht als Vorlage für bösartige Unterstellungen missbrauchen wollen. Unter dem Strich könnte für den Literaturnobelpreisträger die Ausweitung auf den Friedensnobelpreis in Erwägung gezogen werden.“
Na also, es kommt auf den guten, nicht den freien Willen an. Und wer die vielen Postings zur Causa liest, weiß ohnehin, dass Grass nicht ausgegrenzt ist. Der Berliner „Tagesspiegel“ machte eine Umfrage: „Günter Grass hat mit seinem Gedicht für sehr viel Aufregung gesorgt. Was halten Sie davon?“ 67 Prozent von 2800 Antwortenden hielten es für „durchaus diskussionswürdig, sei es noch so provokant“. Von Gleichschaltung also keine Rede. Die kommt  erst, wenn sich der Grassismus durchgesetzt hat. 

norbert.mayer@diepresse.com 

 

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