Eine Ähnlichkeit gibt es zwischen den beiden Zeitungsmagnaten AxelC.Springer (1912–1985) und HansDichand (1921–2010): Sie haben in den Fünfzigerjahren die Konzepte ihrer Blätter von angelsächsischen Vorbildern abgekupfert. Dichand erwarb den Titel 1959, seine „Neue Kronen Zeitung“ wurde mit umstrittener Finanzhilfe des ÖGB gegründet. Vorbild für die künftig größte Zeitung des Landes, die recht bescheiden begann, war, wie ein Mitstreiter der ersten Stunde verriet, die „Daily Mail“ – ein konservatives Massenblatt für die ganze Familie, das die Exzesse der wilden Yellow Press nicht in letzter Konsequenz mitmachte, sondern sich als Vertreter des Mittelstands sah. Die 1896 gegründete Zeitung war populistischer als die „Times“ und erscheint seit 41 Jahren im Tabloid-Format. Mit großem Erfolg, denn nach der „Sun“ ist die „Daily Mail“ mit einer Auflage von zwei Millionen die zweitgrößte britische Zeitung. Dichand machte sein Blatt noch kompakter, zielte auf die Kleinbürger, für deren Ängste, Wünsche und Ressentiments er häufig knallige Kampagnen entwarf.
Auch Axel Springers „Bild“, die vor genau 60 Jahren das erste Mal erschien, war nicht auf die Führungsschicht, sondern, wie seine Leitlinien sagen, auf die „Schicht der Arbeits- und Konsumbevölkerung“ fokussiert. Dabei ist sie, so wie „Österreich“, aggressivem britischen Boulevard wie dem „Daily Mirror“ näher als die „Krone“. Der Leser wird direkt und mit emotionalem Unterton angesprochen, die Syntax der knappen Artikel ist extrem verkürzt, das Wortspiel dominiert in den Titeln. Das Rufzeichen gehört zu den häufigsten Lettern in den Schlagzeilen. Und das wesentliche Element ist, wie bereits der Name programmatisch sagt, das Bild. Für Springer war es „die gedruckte Antwort auf das Fernsehen“, auch er setzte auf Kampagnen-Journalismus. Zugleich aber hat sich „Bild“ in den letzten zwanzig Jahren wesentlich stärker als die meisten Massenblätter darauf spezialisiert, politische Exklusiv-Meldungen zu produzieren. Als Gerhard Schröder zum Kanzler avancierte, war „die Bild“ das bevorzugte Medium für seine Knüller. Ob ihm dieses Nahverhältnis langfristig geholfen hat, ist fraglich, denn was sagte Springer-Chef Mathias Döpfner 2006, als Schröder bereits wieder Geschichte war, über die Politik der Gazette: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“
Laut und vulgär. Viel brutaler noch sind die Aufzüge der größten britischen Tageszeitung, mit der Medienzar Rupert Murdoch seit Jahrzehnten Politik macht: „The Sun“ (2,6 Mio. Auflage) zählt zur härtesten „gutter press“ der Welt. Sie kennt kein Pardon, wenn es darum geht, „juicy news“ zu produzieren, Stars und Sternchen zu entblättern, Politiker zu stürzen. Damit lukriert Murdoch pro Jahr ca. 100 Millionen Pfund. Im Vergleich zur lauten, vulgären „Sun“ sind sowohl das Springer- als auch das Dichand-Blatt betulich. Wahrscheinlich liegt die Aggression der „Sun“ am harten Konkurrenzdruck Londoner Giftblätter. Die „Bild“ ist trotz schrumpfender Auflage (2,7 Mio.) praktisch Monopolist auf dem deutschen Boulevard. Die „Krone“ aber kämpft neuerdings mit „Heute“ und „Österreich“ ums Überleben auf der Straße. Da kann man auch tief sinken.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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