Einäugiger Blick auf Orbáns Ungarn

Die ORF-Dokumentation „Nationale Träume“ bietet Bekanntes und lässt viele wichtige Fragen unbeantwortet.

Viktor Orbán ist der „Puszta-Putin“, Ungarn ist „keine Demokratie mehr“, in dem EU-Land gibt es „keine freien Medien“ mehr, Minderheiten wie Juden und Roma sehen sich verschärftem Druck vonseiten der erstarkenden Nationalisten und Rechten ausgesetzt: All das hört man jetzt schon seit Jahren, all das wird in der heute Abend in ORF2 ausgestrahlten Dokumentation „Nationale Träume. Ungarns Abschied von Europa“ (22.30 Uhr) geballt wiederholt.

Dass die bekannte Kritik an den Zuständen in Orbáns Ungarn wiedergekäut wird, heißt zwar nicht, dass sie falsch ist. Aber von so erfahrenen Dokumentaristen wie Andrea Morgenthaler und vor allem Paul Lendvai hätte man doch erwartet, dass sie in ihrer Analyse tiefer schürfen, nach bisher weniger beachteten Erklärungen suchen und neue Erkenntnisse zutage fördern.

Zum Beispiel: Ein Orbán-kritischer Rapper berichtet in der Doku über das Gefühl absoluter Ratlosigkeit, Perspektivlosigkeit und Frustration in der ungarischen Gesellschaft. Warum aber gibt es dann so überhaupt kein Aufmucken dieser so frustrierten Gesellschaft? Oder ist die Frustration vielleicht gar nicht so groß? Einer der Interviewten sagt, nur europäische rechtskonservative Parteien könnten Orbán zurück auf den Pfad der Demokratie führen: Warum wurden dann rechtskonservative Politiker nicht zu Ungarn befragt? Immerhin kommen ja linke und grüne Europapolitiker und Orbán-Kritiker ausführlich zu Wort.

Kurz: Diese Ungarn-Dokumentation ist leider nicht so ausgewogen, wie sie sein sollte – auch wenn noch ein paar kurze Wortspenden von Orbán und Außenminister János Martonyi eingeschnitten wurden. Zu hoffen ist deshalb, dass im anschließenden Club2 zum Thema „Ungarn: Demokratie ade?“ nicht ganz so einseitig ans Werk gegangen wird. Denn Verteufelung hilft bei der Erklärung der in vielen Dingen so problematischen Entwicklung in Orbáns Ungarn nicht wirklich weiter.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)

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