Rommel, ein Gefangener seines Eids

02.11.2012 | 18:43 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Niki Stein hat die Semidokumentation auf ORF2 wohltuend ruhig angelegt, wie ein Kammerspiel. Nur eine Rolle fällt grotesk aus der Rolle, die Hitlers.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Am Ende drückt er seinem Sohn – einem Soldaten, dem er verboten hat, zur Waffen-SS zu gehen –, wortlos die Hausschlüssel in die Hand, er soll das Erbe hüten, dann geht Rommel ab zum von Hitler verordneten Selbstmord. Dessen Anblick ersparte der TV-Film dem Zuschauer, vieles andere ersparte er auch, und man war Regisseur Niki Stein dankbar dafür, dass er die Semidokumentation als Kammerspiel anlegte und das Grauen an der Front nur streifte. Die "letzten sieben Monate im Leben Erwin Rommels" wollte der Film am Donnerstagabend auf ORF2 erzählen, er brauchte dafür zwei Stunden, die fast durchgehend mit Gesprächen gefüllt waren, von denen man ungern etwas verpasste.

Dabei ist dieser Rommel (Ulrich Tukur) kein Mann des großen Worts – eher einer der kleinen Gesten, er erklärt seiner Frau zum Geburtstag nicht die Liebe, er schickt ihr Schuhe aus Paris –, und als er sich endlich doch einmal aufrafft und mit Hitler (Johannes Silberschneider) „über Deutschland“ reden will, schneidet ihm der das Wort ab. Das tut er sonst nicht, seine Rolle ist grotesk angelegt, er ist ein meist in sich versunkener, halb gebrochener alter Mann, der unentwegt Architektur zeichnet und von dem auch in härtesten Debatten des Generalstabs kein lautes Wort zu vernehmen ist.

„...nichts mit Politik zu tun“

Die anderen dürften der Realität näherkommen, Rommel selbst – „Wir sind Soldaten, das hat nichts mit Politik zu tun“ –, auch sein Stabschef Speidel (Benjamin Sadler), der versucht, Rommel auf die Seite des Widerstands vom 20. Juli zu ziehen. Der lehnt ab, überreden lässt er sich nicht, aber seinen Augen traut er schon, er muss: Alles kommt näher, die Alliierten marschieren vor, und Bilder drängen heran, von Judendeportationen und Gemetzeln der Waffen-SS nicht nur im fernen Russland, sondern gleich nebenan, im besetzten Frankreich. Aber Rommel bleibt bei dem, was ihn zusammenhält – „Sie verlangen Hochverrat“, bescheidet er einen der Verschwörer: „Auch Sie haben einen Eid geschworen. Vergessen Sie das nicht!“ –, er belässt es bei Gesten, auch wirkungsvollen: Hitler hat das Halten der Front „bis zum letzten Mann“, befohlen, Rommel ändert es leicht – „bis zur letzten Patrone“ –, so erspart er viele Heldentode.

In den eigenen geht er ohne Regung, er hat die Invasion nicht verhindern können, und er hat das Spiel, das er am Ende doch noch wagte, verloren, er wollte Separatverhandlungen mit den westlichen Alliierten erzwingen, politisch naiv, die wollten nicht, Hitler natürlich auch nicht. Aber deswegen muss Rommel nicht das Zyankali schlucken, sondern eben des Hochverrats wegen, den er nie begangen hat: „Ich bin unschuldig. Ich habe mein ganzes Leben dem Vaterland gedient. Grüßen Sie die Kameraden“, bittet er die Todesboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

2 Kommentare
Gast: Luchino Visconti
03.11.2012 14:52
0

Mittelmaß aus Deutschland, ästhetisch rückständig

Der Film war ein sehr deutsches, sehr mittelmäßiges TV-Produkt.
Wenn man daran denkt, was Sender wie HBO oder AMC aus diesem Stoff gemacht hätten, in handwerklicher wie künstlerischer Hinsicht.
Man hätte, um wirklich der angekündigten "Sensation" gerecht werden zu wollen, einen großartigen Drehbuchautor und einen ebenso großartigen Regisseur engagieren müssen.
Dafür gab es: eine konzeptlose Bilddramaturgie, eine wirre Kamera, es dominierten Groß-, Nah- und Halbnah-Einstellungen, gelegentlich ein paar Halbtotalen. Dauernd Gesichter und Oberkörper. Dass man mittlerweile längst TV-Filme so dreht wie Kinofilme (siehe HBO & Co), hat sich bis Deutschland noch nicht herumgesprochen.
Dazu störte fast dauernd eine sinnlose Musiksauce. Sie erinnerte an andere Filmmusik, die man zum Überdruss aus deutschen TV-Filmen kennt. Damit nur ja kein Bild ohne Musikbegleitung auskommen muss. Denn Stille, die einfach das Bild, den Dialog, das Spiel für sich wirken lässt, kennt die deutsche TV-Produktion ja nicht.
Fazit: ein typisch deutscher TV-Film für deutsche TV-Zuschauer, die nur das deutsche TV-Niveau kennen und nie ins Kino gehen.
Sowas bringt man im Hauptabend. Den 2011 gedrehten Film von Volker Schlöndorff über eine Geiselerschießung im besetzten Frankreich ("Das Meer am Morgen") sendet die ARD dagegen kommende Sonntagnacht um 23.30 Uhr. Eine Peinlichkeit, eine Schande, aber keine Überraschung angesichts des deutschen TV-Niveaus: mutlos, ästhetisch zurück geblieben.

fällt grotesk aus der Rolle, die Hitlers.

Ja stimmt, gut gemachter Film. Taugt auch für den Geschichtsunterricht. Mehrere Darsteller waren aber doch durch ihre häufigen Auftritte in deutschen und österreichischen Serien abgestempelt oder verbraucht. Besonders Johannes Silberschneider, der im TV bisher meist als zahnloser, versoffener Tölpel zu sehen war.



Belvedere News

Sind Sie an aktuellen News aus dem Belvedere interessiert? Melden Sie sich jetzt unverbindlich für den Newsletter an.





Aktuelle Ausstellung:
Im Lichte Monets ab 24. Oktober 2014

» Nähere Infos zur Ausstellung

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden