Trügerischer Tatort Wien

Rechte Verbindungen und subkutaner Fremdenhass sind nicht nur Krimiklischees.

Guy Fawkes grinst diabolisch von der Wand. Die Fratze des verhinderten Königsmörders, die der Occupy-Bewegung und den Hackern von Anonymous als Konterfei dient, symbolisiert, was sich in den folgenden eineinhalb Stunden am „Tatort“ Wien abspielt: ein scheinbar religiös motiviertes Attentat durch ein Mitglied einer kritischen Internet-Gruppierung, das durch die Verschleierungstaktik einer rechten Verbindung und ihre politisch motivierten Intrigen nicht aufgeklärt werden kann. Für den Zuschauer ist das fast unerträglich: Es bleibt eine schreiende Ungerechtigkeit, dass ein junger Mann, der einem Eifersuchtsmord zum Opfer fällt, als moslemischer Terrorist gebrandmarkt bleibt. „Nur weil man Moslem ist, ist man noch lange kein Terrorist“, mault das Fräulein Tochter den Kommissar einmal an. Der mault zurück: „Hör auf mit den Klischeesätzen!“


Abgedroschen ist das Thema keineswegs. Verena Kurth hat für „Zwischen den Fronten“ ein Drehbuch für einen durch und durch österreichischen Krimi geschrieben. Harald Sicheritz hat die Gastrollen toll gecastet (Alfred Dorfer als zwielichtiger Beamter, Andreas Vitásek als Gerichtsmediziner) und den hinterfotzigen Plot u.a. vor dem Palais Liechtenstein und in der schmucken Strecker-Villa in Baden inszeniert: Wien als trügerisch idyllischer Austragungsort einer Konferenz, wo ein Attentat völlig überrascht. Die konspirativen Treffen der Vertreter des äußerst rechten Spektrums, die im dunkel getäfelten Hinterzimmer diskret ihre Fäden ziehen. Die subkutane Fremdenfeindlichkeit, die selbst Migranten befällt. Alles Klischees? Leider nicht.

 

E-Mails: isabella.leitenmueller-wallnoefer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2013)

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