Wenn es bei uns in Österreich ein Thema gibt, das die Nation bewegt, dann ist es in Wahrheit weder die Sorge vor der großen Koalition, noch die Wirtschaftskrise - und langfristig auch nicht die rasende Himmelfahrt des Kärntner Sonnengottes, nein: Es ist natürlich der Opernball.
Ich werd jetzt ein Wort verwenden, das ich sonst wie die Fliege den Raumspray meide, weil es ist erstens g'spritzt und zweitens bieder, doch passt es besser als jedes andere auf dieses wichtigtuerische, schlechtbürgerliche Event dort in der Wiener Oper: nämlich "Stelldichein". Also: Weil der ORF dieses Stelldichein der Reichen und Schönen und Schicken und (meist leider) Mächtigen seit Ewigkeiten überträgt, mutierte es von der geschlossenen Gesellschaft der Wertpapierbesitzer zum gesellschaftlichen Schaukasten, in den auch der Herr Karl von der Zwölferstieg'n neugierig reinstieren kann - und zwar bei ein paar billigeren Krügerln als dorten auf dem teuren Tanzparkett an der Ringstraße. Brot und Spiele fürs Volk, das sich darüber zerreissen kann, wie dem Herrn Bürgermeister heute wieder sein Frack spannt, als würd' er gleich mit einem Satz abspringen.
Und weil der ORF mit seinen heimtückischen elektromagnetischen Wellen auch noch das letzte Tal im Westen oder Süden erreicht, ist dieses Stelldichein längst kein Ereignis mehr, das allein den modernen Adel der Bundeshauptstadt bewegt, sondern auch die Tante Elvira aus Ellmau - die kann dann gleichermaßen staunen, was für ein hübsches Kleid die Arabella oder sonstwer hat, und was für eine Schnepf'n doch diese oder jene Dame aus der Veranstalterriege ist. Ein doppelbödiger Zug des ORF: Da kann die ganze Provinz genauso staunen über die noblen Leut' in Wien, wie sie sich über die Großkopferten dort das Maul zerreissen kann. Wien, wir lieben Dich, aber bleib dort, wo Du bist, sozusagen.
Darum fragt sich jetzt auch das halbe Land, warum man den Tanzschulbesitzer und Benimm-Papst Thomas Schäfer-Elmayer als Eröffner des Opernballs abgesägt hat. Sie wissen: Desi Treichl-Stürghk, die so süß wie breit grinsende Opernball-Chefin (und Macherin eines schicken Design-Magazins, das angeblich fast ausschließlich in Wiener Kreisen von Bedeutung ist), hat jetzt eine neue Tanzschule mit der ganzen Chose beauftragt: Diese ist in Graz zuhaus, und angeblich will sie Schäfer-Elmayer, der natürlich etwas verbittert ist, weil man ihm den Job als "Alles Walzer"-August so unerwartet genommen hat, nicht kennen. (Na gut, bei uns in Brunn am Gebirge haben wir auch eine Tanzschule praktisch vor der Haustür, aber mir fällt ihr Name noch immer nicht ein - also nur, weil ich etwas nicht kenne, heißt das ja noch nix.)
Nun ja, es war wahrscheinlich nur ein hilfreicher Zufall, dass auch Ballchefin Desi Steirerin ist. Sie wolle den Einfluß der Bundesländer auf den Wiener Opernball stärken, hat sie gemeint, und da ist's natürlich klar, dass da in Wien Skepsis einzieht: Schließlich tun sich die Land-ungewohnten Wiener Ohren mit der Sprache außerhalb der Stadtgrenzen schwer, viele halten die Steiermark sowieso für so eine Art Belutschistan (was nicht immer so falsch ist - was? Aber Hallo!). Also man stell sich vor, da könnte doch diese Rumba-Pomeranze aus Graz den soigniertesten Treff der Wiener Republik mit einem herzhaft böillenden "Oulles Woulza" eröffnen. Nicht auszudenken, die provinzielle Peinlichkeit, oder?
Die Sorge um fremdartiges in der Wiener Oper beschäftigte am Montag auch die lustige Vorabendsendung "Heute in Österreich". Der Küniglberg nützte dabei die letzte Minute seines Beitrages über die Opernball-Kalamitäten wieder einmal zu einem subtilem Provinz-Bashing: Also, hieß es sinngemäß in den letzten Sätzen, wenn die Bundesländer mehr Einfluss auf den Ball kriegen würden, wie würd' sich das auf die Sprache beim Ball auswirken? Wie etwa, so der Sprecher, hieße "Alles Walzer" auf Vorarlbergerisch? Worauf "Heute in Österreich"-Moderator Wolfram Pirchner, der schönste Alpenscheitel des Landes, meinte: "Keine Ahnung" - und mit einem Ausdruck amüsierten Unwissens grinste.
Also jetzt hört's einmal zu, ihr Leute vom ORF: Wenn ihr nicht nur stadtneurotisch eure gedanklichen Kreise um den Küniglberg ziehen und den Menschen am Land besser zuhören würdet's, dann müsstet ihr euch nicht so öffentlich in Unwissen suhlen. Ist ja peinlich, echt: Heißt der Verein "Österreichischer Rundfunk" und hat keine Ahnung vom sprachlichen Tuten und Blasen im Land. Ich geb zu, die Leute im Ländle haben einen schrägen Dialekt - aber in diesem Fall ist die Lösung überraschend einfach: "Alles Walzer" würd dort niemand als "Fürzle Bürzle" oder "Funka, ho!" oder so aussprechen, nein: Der Alemanne sagt dazu einfach: "Alls Walza" - vermutlich so wie der größte Teil der Österreicher.
Vor allem soll sich der "Keine Ahnung"-Pirchner schämen. Kommt selber aus Tirol und kann sich nicht vorstellen, wie man im Nachbarbundesland redet. Kommt wohl von der Gebirgshaltung der Tiroler.
Aber wie gesagt: Auch die Wiener halten etwa die Steiermark für Belutschistan und scheitern sprachlich schon im Seewinkel. Dabei sollten die sich vorsehen: Dass der Opernball mit "Alles Walzer" eröffnet wird, ist ja auch nur bildungsbürgerliche Anbiederung an die Hochsprache unserer sonst ja so beliebten großen Nachbarn im Norden. Wär der Wiener ehrlich, hieße es "Ois Woiza". Aber wer spricht hier von ehrlich...
"Heute in Österreich" (ORF2): Oulles Woulza!
11.11.2008 | 17:53 | von Wolfgang Greber (DiePresse.com)
Beim ORF weiß man wieder einmal nicht, wie man außerhalb Wiens spricht. Sogar Wolfram Pirchner muss da passen - dabei ischt er an Tirola.

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google











MTV Europe Music Awards Skandalfrei in Strapsen
World Press Photo Award Die besten Pressefotos in Wien
Filmnews Katie Holmes springt ein, Reese Witherspoon dreht 