"Tatort": Ein Mord aus der Big-Brother-Perspektive

Der neue Stuttgart-"Tatort" entwirft ein düsteres Zukunftsbild der überwachten Gesellschaft. In "HAL" ist der Mord die analoge Zugabe zum Digital-Krimi.

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SWR

Unsere Wertung:

8,5 von 10

Worum geht's in "HAL"?

Eine junge Schauspielerin wird tot aus dem Neckar geborgen. Wie sich heraus stellt, hat sie auf einer Internetseite ihre Dienste als Eskort-Dame angeboten, um sich ein besseres Leben leisten zu können. Bald stoßen die Ermittler auf ein Sex-Video, auf dem die junge Frau zu sehen ist - und verfolgen die Spur bis zu einem Computerspezialisten, der mit dem Opfer mehr zu tun hatte als er zunächst zugeben will.

Worum geht's noch?

Es geht um eine Software-Krake namens "Bluesky", deren Verzweigungen bis in die USA reichen, die hinter verschlossenen Glastüren an einem ausgeklügelten Überwachungssystem arbeitet und die ihre Fähigkeiten u. a. skrupellos für die Kontrolle der Mitarbeiter ausnützt. Natürlich stellt sich die Frage, was davon schon Realität ist und was noch Zukunftsmusik. Jedenfalls scheinen Lannert und Bootz und mit ihnen Staatsanwältin Alvarez mit ihren klassischen Ermittlungsmethoden in diesem Fall an ihre Grenzen zu stoßen.

Wer ermittelt?

Richy Müller schaut als Thorsten Lannert in dieser Episode ganz schön alt aus: Er scheint sich mit den digitalen Finessen überhaupt nicht auszukennen und will einfach nicht glauben, was ihm der Verdächtige auftischen will: Dass das Computerprogramm von "Bluesky" dabei ist, sich selbständig zu machen - und jene, die es abschalten wollen, zu zerstören. Felix Klare gibt als Sebastian Bootz den ewig jungen Kollegen - und hat dabei von der neuen Technik genauso wenig Ahnung. Das macht die beiden in diesem futuristisch angehauchten Thriller zu sympathisch altmodischen Figuren.

Was gefällt?

Autor und Regisseur Niki Stein hat sich von Stanley Kubricks Film "2001: Odyssee im Weltraum" inspirieren lassen. Das erklärt, warum der neue Stuttgart-"Tatort" den Titel "HAL" trägt: Die Bezeichnung kommt im ganzen Film nicht vor. Dafür gibt es den "Bluesky"-Computer, der sich auf unheimliche Weise selbstständig zu machen scheint - so wie einst Kubricks "HAL", der sich gegen seine Abschaltung wehrt. Stein hat mehrere Zitate an Kubricks Klassiker in seinem Film versteckt. So stellt der "Bluesky"-Computer nach einem Angriff auf seine Speicher und Energieversorgung darauf um, im nach wie vor von ihm kontrollierten Lift "Hänschen klein" zu summen. Gespenstisch.

Was noch?

Stein potenziert das Gefühl der permanenten Überwachung, indem er immer wieder Bilder aus der Sicht der Überwachungskameras bzw. des Computers zeigt, der Mitarbeiter der Firma - aber auch die beiden Kommissare - abhört und kontrolliert. Und man weiß: Solche Bilder gibt es tatsächlich - nach jedem Tankstellenraub bekommt man Ähnliches zu sehen.

Nika Banovic (Mimi Fiedler), die junge Kollegin, hält Lannert und Bootz mit emanzipiertem Witz auf Trab. "Seid Ihr so?", fragt einer als sich heraus stellt, dass das Opfer sich nur alibihalber einen Freund zugelegt hatte. "Klar", gibt Nika keck zurück: "Meine Mutter sagt immer: Einer für's Image, viele für den Sex." Da bleibt den Herren der Mund offen, weil sie darüber nachdenken müssen, ob sie das wohl ernst meint oder nicht.

Noch ein Plus: Grimme-Preisträger Ken Duken stattet den Verdächtigen mit einer raffinierten Mischung aus intellektueller Note und gefährlichem Hang zum Ausrasten aus: Er fährt mit dem hippen Fahrrad vom hippen Loft in die hippe Firma, um dort den Überwachungscomputer erst aufzupäppeln und dann zu zerstören.

Wo hakt's?

Der digitale Amoklauf des "Bluesky"-Computers, der ein Eigenleben entwickelt, dominiert das Geschehen und macht den eigentlichen Thrill von "HAL" aus. Die Mordsache selbst ist in dieser Episode eher unterbelichtet (auch wenn das unerträgliche Sex-Video, das vermutlich die Tat zeigt, mehrmals zu sehen ist) - und erfährt erst ganz zum Schluss noch eine eigenartige Wendung. Dank der vom "Bluesky"-Computer gespeicherten Mitarbeiter-Daten hätte sich die Sache längst aufklären lassen. Des Rätsels Lösung ist dann eigenlich ganz einfach: Einen Mord kann man nur analog begehen - da kann der Computer noch so viele Neurosen entwickeln.

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