"Tatort" Dresden: Wortwitz statt Kugelhagel

Tatort: Koenig der Gosse
Bild: MDR/Gordon Mühle 

Im Dresden-"Tatort" spielt u. a. eine geniale Chaostruppe aus Obdachlosen eine Rolle: "König der Gosse" ist sozialkritisch, humorvoll. Wunderbar!

 (DiePresse.com)

Unsere Wertung für diesen "Tatort"

8,5 von 10 Punkten

Worum geht's in "König der Gosse"?

Ein Mann wird von einer Brücke gestoßen - und niemand hat's gesehen . . . außer einem Grüppchen Obdachlosen. Die behaupten, sie wären die "Security" des lebensgefährlich Verletzten, aber nach einem Drink im Lokal außer Gefecht gesetzt gewesen. Besser gesagt: "am Porzellantelefon", wie einer seine Übelkeit elegant umschreibt. Das Problem ist nur: Wer glaubt schon ein paar "Pennern", wie Kommissariatsleiter Schnabel die Zeugen herablassend bezeichnet? Eine schon: Kommissarin Sieland, die eines Abends die Trinkfestigkeit der Männer testet und feststellt, dass man die nicht unter den Tisch saufen kann. Ob in dem Drink damals doch etwas anderes war?

Worum geht's noch?

Es geht darum, dass Menschen am Rande der Gesellschaft weniger Möglichkeiten und Chancen haben, dass sie kaum wahr- und nicht ernstgenommen werden. Und es geht um diejenigen, die am anderen Ende dieses Spektrums stehen: Um eine Kommissarin, die den Ladendiebstahl ihres Sohnes unter den Teppich kehren kann. Um es geht um jene, die mit dem Elend anderer Geschäfte machen oder sich einen Profit erhoffen, wenn sie sich als Gutmenschen aufspielen. Und natürlich um die immer wiederkehrende Frage, wie gerecht ein System ist, in dem man es sich mit einem guten Anwalt, mit Zeugen, die aus Angst nicht aussagen, und einem herablassenden Grinsen richten kann.

Wer ermittelt?

Im Kommissariat Dresden hat der Chef nicht unbedingt die besseren Karten: Martin Brambach mäandert als Kommissariatsleiter Schnabel zwischen Arroganz, Machismus, Ignoranz und Lächerlichkeit, bleibt dabei aber trotzdem noch irgendwie restsympathisch. Er steuert eine Portion staubtrockenen Humor bei: "Ich brauch' hier keine Barschel-Nummer - zwanzig Jahre rätseln", treibt er die Kommissarinnen unwirsch an; den Kellner beim sündteuren Italiener, der lieber die Deko richtet als Auskunft zu geben, schnauzt er an: "Wir spielen jetzt aber nicht Tischlein deck dich!". Eine geniale Figur, dieser Griesgram. Alwara Höfels gibt die kühle Blonde: Als Oberkommissarin Henni Sieland hat sie viel soziales Gespür - für alle, nur nicht für ihren Freund: Es kriselt. Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) müht sich mit ihrem pubertierenden Sohn ab, der ständig Dummheiten macht. Im Job sind die zwei Damen jedenfalls ein cooles Team mit spitzer Zunge: "Wenn's um die Polit-Heinis geht, zieht er immer den Schwanz ein", mault Sieland über Schnabel. Gorniak, der das Balzverhalten ihres Chefs sauer aufstößt, kontert: "Dafür hat er jetzt eine bessere Verwendungsmöglichkeit." Touché! Blöd nur, dass das Objekt dessen Begierde in Hörweite sitzt . . . 

Was gefällt?

Der neue "Dresden"-Tatort (es ist erst der zweite Fall) bringt neuen Schwung in die Reihe: "König der Gosse" ist ein sozialkritischer Krimi, der aufgrund seiner persönlichen Erzählweise (alle Ermittler bekommen durch den privaten Aspekt ein tieferes Profil) und aufgrund einer guten Portion Humor leicht und sympathisch wirkt. Hervorragend: Arved Birnbaum, David Bredin und Alexander Hörbe liefern als Obdachlose eine hervorragende schauspielerische Leistung ab: Diese Chaostruppe ist rührend, komisch und eigenbrötlerisch zugleich.  

Wo hakt's?

Dass Kommissarin Sieland die drei Obdachlosen wegen des kalten Wetters einfach mit nach Hause nimmt, zeugt zwar von Verantwortungssinn - darf aber "in echt" nicht vorkommen, schließlich sind die drei auch Verdächtige! Schwamm drüber. Hier hakt nichts.

Unterm Strich

Endlich wieder ein Kommissariat, wo der Schmäh rennt! Chef (er ist verheiratet, will aber mit der Kollegin aus dem Betrugsdezernat Essen gehen): "Was ist mit der Work-Life-Balance?" - Sieland (deutet auf den Ringfinger): "Was ist mit der Work-Wife-Balance?" Wortwitz statt Kugelhagel. Das ist erfrischend!

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