"Tatort" Saarbrücken: Von Vätern und ihren Söhnen

Hauptkommissar Stellbrink ermittelt in gleich zwei Mordfällen. Ein Vater ist tot - und ein Sohn. Was düster klingt, ist gute Unterhaltung aus dem verschlafenen Saarbrücken. Und das Highlight der Folge: eine impulsive Mutter.

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Devid Striesow gibt in Saarbrücken den Good Cop. – SR/Manuela Meyer

Unsere Wertung:

8 von 10 Punkten.

Worum geht's in "Väter und Söhne"?

Im neuen "Tatort" brechen drei junge Männer in ein Bestattungsinstitut ein; im Gepäck haben sie eine Flasche Wodka – und einen Schweineschwanz. Den pflanzen sie dort dann auch flugs im Hintern eines Toten. Diese Szene – die Kombination aus Schweinefleisch, billigem Wodka und totem Mensch ist brutal – würde eigentlich schon für einen recht erfrischenden Einstieg in diesen Fall genügen; am nächsten Morgen gibt es aber gleich eine zweite Leiche: Einer der Einbrecher liegt erfroren in der Kühlkammer des Bestattungsinstituts. Als die Kriminalhauptkommissare Stellbrink (Devid Striesow) und Marx (Elisabeth Brück) beginnen, wegen Mordes zu ermitteln, bemerken sie, dass auch der Tote mit dem Schweineschwanz nicht einfach an einem Herzstillstand gestorben sein dürfte. Er war Lehrer an der Berufsschule der jungen Männer, von seinen Kollegen hoch geschätzt, von den Schülern entweder vergöttert oder verachtet. Er war auch der Stiefvater eines Jungen aus dem Einbrecher-Trio und seinem Stiefsohn ganz und gar nicht wohlgesonnen. (Übrigens: Der Name der Folge – "Väter und Söhne" – ist die einzige Verbindung zu Iwan Turgenews Generationenroman.)

Worum geht's wirklich?

Wie passend, dass Stellbrink während der Ermittlungen Besuch von seinem Sohn (Ludwig Simon) bekommt ("Pap', ich krieg' jetzt eine Tetanusspritze..." – "Ja, erzähl's mir heute Abend!"): Es geht freilich um das Vater-Sohn-Verhältnis, nicht nur im Speziellen, sondern auch im großen Ganzen. Das klingt furchtbar platt – das Saarbrückener Team löst das tendenziell Pathetische aber auf in einem höchst amüsanten, lockeren "Tatort", der absolut sehenswert ist, was er vor allem der Vielfalt an spannenden, zugänglichen Charakteren zu verdanken hat.

Wer ermittelt?

Devid Striesow als Jens Stellbrink liefert eine solide, sympathische Darbietung des personifizierten deutschen Good Cop ab, der diesmal nicht unbedingt den klassischen Ermittlungsweg wählt, sondern durchaus auf sein Bauchgefühl hört – allerdings nicht in "Tatort"-üblicher Haudegenmanier, sondern als genauer Zuhörer, und als Polizist mit eigener Meinung (auch, wenn er als letzten Satz den folgenden sprechen muss: "Ich bin für die Wahrheit zuständig, nicht für die Gerechtigkeit." Man möchte sehr laut "Nein!" rufen.). Shout-out diesmal an Polizistin Emmrich (Sandra Maren Schneider), von den Drehbuchschreibern offenbar zur Politesse mit Herz erhoben, zur Frau für's Softe: Emmrich versorgt Stellbrinks Sohn (am Anfang medizinisch, in der Mitte mindestens freundschaftlich; zum Ende der Folge zieht er dann bei ihr ein), außerdem ist sie die einzige, die von den Selbstmordplänen des Stiefsohns des toten Lehrers erfährt. Daneben darf sie auch einen korallfarbenen Lippenstift zur Ermittlung eines Mörders besorgen. Yes.

Was gefällt?

Das mag gewollt sein, aber: Eigentlich zeigt "Väter und Söhne" vor allem, wie wichtig die Mütter sind im Leben jener Jungen, die im Mittelpunkt dieser Folge stehen. Als Stärkste von ihnen blitzt Christine Zart hervor – kaum tritt sie ins Bild, möchte man als Zuseher vorfreudig jauchzen. Zart, die die Besitzerin einer Fleischverarbeitung spielt, zerschießt mit einer Flinte etwa das Moped ihres Sohnes (als Strafaktion; die Polizisten sehen neiderfüllt zu). Die Witwe des Lehrers (Sanne Schnapp) erscheint weniger impulsiv und verloren im Hass ihres Mannes auf ihren Sohn (Emilio Sakraya), der unterdessen eine enge Beziehung zu seinem Ausbildner Jean Carlinó (Jophi Ries) pflegt. Carlinó ist ganz klar Ersatzvater und besitzt auch die faszinierendste Persönlichkeit in diesem "Tatort": geheimnisvoll, gerecht, gut; sanft, streng, skrupellos.

Woran hakt's?

Die verschiedenen Vater-Sohn-Beziehungsstränge (so hatte etwa der Vater des verstorbenen Jungen seinen Sohn körperlich misshandelt) halten zwar den Fall zusammen, lassen aber in ihrer Vielzahl kaum Raum für tiefergehende Betrachtungen: Das ist einerseits gut, weil Plattitüden ausgespart werden. Andererseits vermag der Zuseher an manchen Stellen die Möglichkeit vermissen, Handlungen nachvollziehen zu können. Dieses Manko gilt ebenfalls für die weiblichen Charaktere in dem Fall: Auch hier werden die Gründe für ihr Verhalten oftmals nicht ausdiskutiert, sondern maximal angeschnitten.

Schlussbemerkung:

Der Saarbrücken-"Tatort" ist eine angenehme Erholung von den zuletzt recht erzieherischen, oberflächlich politischen und stets schwer philosophischen Folgen der Reihe. Er unterhält, macht nicht müde und erheitert mit schön schrägen Szenen. Großes Kino ist das freilich nicht. Aber: "Väter und Söhne" sollte anderen "Tatort"-Machern in Erinnerung rufen, dass die Krimireihe nicht nur von großen Actionszenen (in Saarbrücken verfolgt man Diebe auf dem Moped - und es macht Spaß, zuzusehen!), persönlichen Abgründen (hier führt niemand ein Doppelleben, keiner zweifelt an seinem Job, man redet auch unter Kollegen miteinander) und Kommissaren mit zerrütteten Familienverhältnissen (Stellbrinks Sohn kommt seinen Vater gern besuchen, eine absolute "Tatort"-Ausnahme) lebt.

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