Von ganz unten in den Himmel des Erfolgs“ will der in Wien bestens eingelebte Berliner Rapper Sido seine Klienten in der neuen ORF-Serie „Block Stars“ führen. Ein Ansinnen, das heute im Fernsehen inflationär ist: Auf allen Kanälen (im ORF zuletzt in „Die große Chance“, wo Sido in der Jury war) wird es gesungen, das Lied vom jähen Aufstieg in der Showbranche.
Im Hip-Hop ist dieses Lied (bzw. dieser Rap) freilich essenziell, mehr als in anderen Sparten des Pop. Die zentrale Erzählung des Hip-Hop ist eine Aufsteigersaga: aus dem Ghetto in die Villa, aus der Gosse in die Vorstandsetage. Dieser Aufstieg funktioniert in der Hip-Hop-Ideologie vor allem durch Selbstdisziplin: Verlassen kann man sich auf niemanden, außer auf die eigene Mutter – „Ich traue niemandem, außer meiner Mutter“, sagt einer der Klienten Sidos –, und bestenfalls auf einen strengen, aber gütigen Paten, der selbst die harte Schule hinter sich hat.
Den gibt in „Block Stars“ Sido selbst: „Sidos Wort ist Gesetz“, steht auf einem Plakat in der luxuriös eingerichteten WG, in der die Auserlesenen an ihrer Blitzkarriere arbeiten sollen. So ist das halt im Hip-Hop, man kann darüber schmunzeln, aber das Konzept der Sendung funktioniert, weil Sido glaubhaft authentisch ist. Wer „Sozial-Voyeurismus!“ ruft, sollte sich einmal überlegen, ob er diesen auch Franz Innerhofer oder Charles Dickens vorwerfen würde.
Gewiss, die Einblicke in trostlose Milieus sind inszeniert, aber das ist jeder Blick, wenn er durch eine TV-Kamera fällt. Vor allem heißt das nicht, dass die Impressionen nicht realistisch sind. Und natürlich ist das ständige Beschwören der letzten Chance („Wenn nicht ich, wer soll dir helfen?“) rührselig, aber wenn einer aus dem Elend fliehen will, ist das eben berührend; man kann sich der Rührung entziehen, aber damit ist gar niemandem geholfen. Kurz: So unzynisch wie in „Block Stars“ ist Reality-TV selten.
thomas.kramar@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2011)
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