Sherlock Holmes trägt jetzt Nikotinpflaster

28.04.2012 | 11:57 |  von HEIDE RAMPETZREITER (DiePresse.com)

Er schreibt SMS und die Scotland-Yard-Mitarbeiter nennen ihn "Freak": Arthur Conan Doyles Detektiv ist im 21. Jahrhundert angekommen. Ab Sonntag zeigt der ORF die geniale BBC-Adaption "Sherlock".

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Seine erste Szene zeigt Sherlock Holmes in der Leichenhalle. Mit einer Reitergerte drischt er auf einen Toten ein - ein Experiment ganz im Zeichen der Verbrechensbekämpfung, versteht sich. Willkommen bei "Sherlock", der genialen BBC-Adaption, die Arthur Conan Doyles Klassiker ins 21. Jahrhundert katapultiert. Darin ist Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) ein arrogantes Genie, ein Suchtmensch, der sein Gegenüber in Sekundenbruchteilen durchschaut und mit Gefühlsregungen schnell überfordert ist. Er schreibt SMS, schneller als viele sprechen können (wenn er sie denn selber schreibt) und spricht so schnell, dass einem fast schwindlig wird. Kein Wunder, dass ihn die Beamten von Scotland Yard, die den selbsternannten "Consulting Detective" nur widerwillig hinzuziehen, "Freak" und "Psychopath" nennen. Er selbst will sich als "hochfunktionaler Soziopath" verstanden wissen, wie er selbst in der Pilotfolge "Ein Fall von Pink" (A Study in Pink) sagt. Statt Pfeifen nimmt er Nikotinpflaster, der siebenprozentigen Kokain-Lösung in Conan Donyles Vorlage hat er abgeschworen. "Clean" sagt man heute.

Nicht minder modern ist sein Konterpart Dr. John Watson (Peter Jacksons "Hobbit" Martin Freeman) ein einsamer Afghanistan-Veteran mit posttraumatischer Belastungsstörung. Die hohen Mietpreise in London führen die beiden zusammen (natürlich in die 221B Baker Street). Gemeinsam rasen sie durch London auf Verbrecherjagd, im Bild poppen SMS-Nachrichten auf und statt eines Tagebuchs führt Dr. Watson einen Blog.

Aber "Sherlock" zeigt sich nicht nur modernisiert, sondern bezieht sich auch stark aufs Original. Fans werden viele Anspielungen auf die Bücher finden. So ist Watson auch dort von einem Einsatz am Hindukusch heimgekehrt, allerdings diente er im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878 -1880). "Eine Studie in Scharlachrot" ist jetzt "Eine Studie in Pink", statt einem Drei-Pfeifen-Problem löst Holmes ein Drei-Nikotinpflaster-Problem.

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Überraschend und überraschend lustig

Die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss (der als Sherlocks Bruder Mycroft Holmes selbst eine kleine Rolle hat) haben ganz Arbeit geleistet, sie spielen mit Plot-Twists und ihre Mono- und Dialoge weisen nicht nur atemberaubendes Tempo auf, sondern sind auch punktgenau. "Ein Serienmörder! Wie ich die liebe, da kann man sich immer auf etwas freuen!" stößt Holmes einmal aus. Die präzise Klinge zeigt sich auch in der Interaktion zwischen Holmes und Watson, die zwischen homoerotischer Spannung und Buddy-Movie liegt. (c) ORF

(c) ORF

In Großbritannien löste die Serie einen regelrechten Hype aus: Die BBC erzielte mit der ersten Staffel eine Reichweite von fast 30 Prozent und verkaufte das Format in mehr als 180 Länder. Schmal geschnittene Mäntel und selbst Teeservices im "Sherlock"-Style gehen weg wie warme Semmeln. Ein Teil des Erfolges ist auch der immensen Leistung der Hauptdarsteller Cumberbatch und Freeman zu verdanken, beide sind konsequenterweise für den britischen TV-Preis Bafta nominiert.

Das Wort "Serie" stößt hier indes an seine Grenzen. Denn es handelt sich um zwei Staffeln zu je drei 90-minütigen Folgen. Also sechs Mal Spielfilmlänge. Fast ein Jahr nach der deutschen Erstausstrahlung von Staffel eins in der ARD zeigt der ORF "Sherlock" nun: "Eine Studie in Pink" macht am 29. April um 22:05 Uhr den Anfang. Die zweite wird ab 17. Mai zu sehen sein. Auf Staffel drei wird man eine Weile warten müssen, denn sowohl Cumberbatch als auch Freeman sind derzeit vielbeschäftigt in Hollywood. Die Dreharbeiten sind für Anfang 2013 angesetzt. Um die Wartezeit zu überbrücken sei "Sherlock" auf englisch zu empfehlen: Das störende "Sie" fällt weg und "obviously" klingt einfach so viel besser als "offenbar".

"Sherlock" im ORF: ab Sonntag, 29. April, um 22:05 Uhr

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19 Kommentare
Gast: Ich will das nicht!
01.05.2012 01:39
0 4

Um keine Preis!

Und wieviel Lizenzzahlungen gehen von Österreich nach England dafür, zahlen darf man das ja dank der GiS die frech genug war, jeden PC zu einer Fernsehempfangsanlage zu erklären!

Und ich sehe auch nicht ein das diese Kunstkapitalsitten sich um unser Geld bereichern und obendrein auch noch die Frechheit haben AKTA und mehr zu fordern, inklusive Netzsperre.

Behalte euren Kusntkapitalmist und verschont mich mit diesem Dreck!

Eine Film und eine Serie wie gewöhnlich.

Einerseits ausgefallen, andererseits ein Schwachsinn, aber wem es gefällt der schaltet ein, wem es nicht der schaltet aus oder zappt weiter. So einfach ist das.



Gast: so viele kluge menschen hier
30.04.2012 09:11
2 3

Psychopathen-Hype

Das ist ein eigenartiger Trend in Serien, dass zunehmend gefühllose Psychopathen zu Helden hochstilisiert werden.

Wer möchte zB. in der Realität einem Dr. House in die Hände fallen, der mit dem Leben seiner Patienten russisches Roulette spielt ?

Und jetzt ein Sherlock Holmes, der neben einer Leiche eine kindischen Freudentanz aufführt, weil er wieder einmal ein bisschen ermitteln darf ?

Re: Psychopathen-Hype

Soziopathen sind nicht dasselbe wie gefühllose Psychopathen.

Gast: so viele kluge menschen hier
30.04.2012 09:07
1 4

Genial ?

Was bitte ist daran genial, wenn der Zuschauer eine halbe Stunde vor Sherlock Holmes weiß, dass der Mörder ein Taxler ist ?

Und das kindische Tabletten-Spielchen, von dem Sherlock so fasziniert war : man muss nur einmal einem Hütchen-Spieler zugesehen haben, um zu wissen, wie so etwas funktioniert. (In London gab es solche Betrüger früher mal an jeder 2. Straßenecke.)

Ein billigster Abklatsch !


Antworten Gast: spellbound
30.04.2012 10:38
2 1

Re: Genial ?

Ihnen scheint das Original 'A Study in Scarlet' nicht bekannt zu sein, denn das Tabletten-Spielchen ist 1:1 dem Original entnommen...

Antworten Antworten Gast: so viele kluge menschen hier
30.04.2012 13:22
0 1

Re: Re: denn das Tabletten-Spielchen ist 1:1 dem Original entnommen ...

Mittlerweile ist es aber ein bekannter Taschenspielertrick. Heute würde kaum mehr jemand darauf hineinfallen - und schon gar nicht Sherlock Holmes. Entweder man überträgt ein Stück konsequent in die Neuzeit, oder man verfilmt es historisch.

Genau das finde ich nicht gelungen : das unverbundene Nebeneinander von Original mit ein paar aufgesetzten Modernisierungen (Handy, Website etc.).

geniale serie

Ich habe mir die Stafel 1 und 2 auf englisch angeschaut ud muss sagendass die Serie genial ist.
Hoffentlich kommt die 3. Stafel bald raus

Re: geniale serie

Ich hoffe für Sie, dass Sie Englisch besser beherrschen als Deutsch.

Gast: noir
29.04.2012 22:05
3 0

An apple a day, keeps the Doctor away ;-)

Wie kann diese Sendung nicht genial sein, wenn sie von Moffat und Gatiss, welche auch für Doctor Who schreiben, gemacht wird?

Re: An apple a day, keeps the Doctor away ;-)

Der Stil ist unverkennbar. Er erinnerte mich gleich an Doctor Who.

Gast: derpy
29.04.2012 11:36
0 0

Aghanistan-Veteran?


Re: Aghanistan-Veteran?

Danke, der Tippfehler ist korrigiert.
MfG,
Heide Rampetzreiter

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
02.05.2012 08:41
0 0

Re: Re: Aghanistan-Veteran?

sg frau redakteurin-ressortleiterin frau rampetzreiter!

dr watson nahm lt der literarischen vorlage am zweiten anglo-afghanischen krieg teil- (das haben sie richtig recherchiert)der fand aber 1878-80 statt, sie beziehen sich mit den zeitangaben aber auf den ersten anglo-afghan. krieg !;-)
Laut A Study in Scarlet zog sich Watson während des Zweiten Anglo-Afghanischen Kriegs eine Schulterverletzung zu.[1] Im zweiten Roman The Sign of Four (dt.: Das Zeichen der Vier) wird erzählt, er wurde in der Schlacht von Maiwand am Bein verwundet.[2]

mfg
s.

Gast: Blog?
29.04.2012 09:52
2 8

Peinlich?

Also ich weiß ja nicht, aber SMS-Getippe und ein Blog statt eines Tagebuches hören sich eher peinlich als überzeugend an. Da klingt wie ein peinlicher Pubertätsverschnitt des größten Detektivs der Literaturgeschichte. Sowas tut den Originalvorlagen meiner Meinung nach immer nur Gewalt an...

Ohne Worte

Eine der großartigsten Serien des letzten Jahres

Antworten Gast: Messalina-X
29.04.2012 09:15
4 0

Re: Ohne Worte

dem kann ich nur zustimmen

Gast: snus
28.04.2012 12:13
0 5

Er soll doch Snus nehmen

Wenn er statt Nikotin den schwedischen Tabak nehmen würde, wäre er auch in ganz Europa verfügbar und würde dadurch nicht die Ersatzmittellobby stärken. Man kann auch so Nichtraucher/in werden. snuseuropa.com hat da einen ganzen Verlauf der Lobbys die "selbstlosen Anti-Tabaklobbys" erstellt. Ganz interessant.

Antworten Gast: nasenkrebs
29.04.2012 15:45
6 0

Re: Er soll doch Snus nehmen

sherlock weiß schon, warum er nicht snust.

hanf wäre die bessere alternative.

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