Jeder Mord ein Freudensprung

27.04.2012 | 19:11 |  ISABELLA WALLNÖFER (Die Presse)

Sherlock Holmes ist ohne Pfeife, dafür mit Mobiltelefon im 21.Jahrhundert angekommen. Genial unterhaltsam!

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Der Traumschwiegersohn ist er ja nicht gerade: schlampig, präpotent, egozentrisch. Und wenn Sherlock Holmes sich wider seine Natur zu einem sympathischen Luftsprung samt Jubelschrei hinreißen lässt, dann findet nur die Freude darüber Ausdruck, dass ein Serienmörder wieder zugeschlagen hat.

Mit dem wunderbar exzentrisch-blasierten Benedict Cumberbatch ist Sir Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv endlich im 21.Jahrhundert angekommen: Dieser Sherlock Holmes wird nicht nur mit den neuesten Regiekniffen in Szene gesetzt (eingeblendete Gedankenblitze und SMS-Texte, flotter Schnitt und geschickte Zeitraffer/Zeitlupen) – er raucht auch nicht mehr Pfeife, war aber offenbar (tabletten-?)süchtig; er ist Experte im Umgang mit neuen Medien und hat sogar eine eigene Website; sein Freund Dr. Watson (Martin Freeman) geht als Afghanistan-Veteran zur Therapie – und wenn die beiden auf dem Weg zum Chinesen ums Eck der berühmten Baker Street 221b sind, dann kokettiert Sherlock: „Ich weiß immer vorher, was in den Glückskeksen steht.“ Offenbar stand in einem: „Sie werden ihren Humor nicht verlieren!“ Und das ist wirklich ein Glück, weil der so herrlich staubtrocken ist wie die Teighülle um die kleinen Zettelchen. Der ORF zeigt die genial unterhaltsame Miniserie ab Sonntag (22.05h, ORF eins).

 

E-Mails an: isabella.wallnoefer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)

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2 Kommentare

Völlig zurecht hoch gelobt!

Im Gegensatz zu klassischen Theaterstücken, deren Thematik von ehrgeizigen Regie-Regisseuren aus der Vergangenheit in die Gegenwart gerissen werden, gelang die Transponierung Sherlok Holmes´ ins 21. Jhdts. erstaunlich organisch und mit viel Feingefühl für´s wirklich Wesentliche. Vor allem sind die Storys originell und damit eigenständig; verbunden mit der sehr komplexen Charakterisierung der diversen recht seltsamen Eigenheiten des Superdetektives schaffen sie eine dichte Atmosphäre voll Spannung und überraschenden Drehungen und Wendungen im Handlungsablauf, der man sich nur schwer entziehen kann; sofern man dies überhaupt möchte...

Sehr gut gefällt mir dabei vor allem, daß die Exzentrik des Ausnahme-Genies S.H. in dessen permanenter intellektueller UNTERFORDERUNG begründet wird. Jede Abwechslung in der Fadesse seines "privaten" Alltages wird von ihm wie ein Tropfen Wasser von einen Verdursteten aufgesogen. Und weil es sich um eine britische Produktion handelt, werden die leider zu kurz ausgefallenen Staffeln zu einem echten TV-Highlicht, das hoffentlich noch viele Fortsetzungen finden sollte...

Die amerikanische Sherlock Holmes-Filmadaption mit Robert Downey jr. und Jude Law ist hingegen ein reines, wenn auch glänzend inszeniertes Actionspektakel, mit vielen irrwitzigen Verfolgungsjagden, Explosionen und üblichem Krwawumm.

Aber immerhin ein Riesenerfolg an den Kinokassen. Sol wurde auch inzwischen bereits eine Fortsetzung gedreht. Wenn auch ohne britischem Charme....

Antworten Gast: Grummelbart2
27.06.2012 10:34
0

Re: Völlig zurecht hoch gelobt!

Ich halte die Inszenierung für genial; die Story als solche eher für bescheiden.

Besonders die zweite Staffel lässt meiner Meinung nach arg zu wünschen übrig; insbesondere Folge drei - Moriarty macht WAS, um Sherlock WOZU zu bewegen?! WTF?

Meinung

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