Manuel Legris kann es nicht lassen. Er will nicht nur hinter der Bühne für das Wiener Staatsballett aktiv sein. Der ehemalige Étoile der Pariser Oper, der die Compagnie als Ballettdirektor auf Hochglanz trimmt, will sich seinen Applaus gern auch noch persönlich abholen – und zwar nicht erst beim Defilee, bevor der Vorhang fällt. Samstagabend schlüpfte er also im zweiten Teil der glanzvollen Nurejew-Gala in die Rolle des unglückseligen Eugen Onegin und zeigte in der Choreografie von John Cranko, dass er nicht zum Schreibtischdirektor geboren ist. An seiner Seite gab Gastsolistin Maria Eichwald in der Rolle der Tatjana ihr Debüt an der Staatsoper. Ein schönes, reifes Ballettpaar, das mit allen Gaben gesegnet ist, die es für diesen Beruf, der auch eine Berufung ist, braucht: tänzerisches Talent gepaart mit hervorragender Technik und eine darstellerische Gabe, die die Figuren auf der Bühne erst in ihrer vollen Dimension zum Leben erweckt.
Legris hat das Glück, viele Tänzer in seiner Compagnie zu haben, die auf diesem Feld außerordentlich begabt sind. Bei keiner Gelegenheit kann man ein solches Potenzial derart gezielt und umfassend ausschöpfen wie bei einer Ballettgala, in deren Verlauf praktisch jeder Tänzer und jede Tänzerin die Chance bekommt, die eigenen Stärken zu präsentieren. Auch die heurige Saisonabschlussgala, die wieder ganz im Zeichen des großen Vorbilds Rudolf Nurejew stand, bot einen hervorragenden Überblick mit tollen Sprüngen, viel Gefühl und einigen Glanzrollen im Charakterfach.
Der Tod kommt im gelben Kleid
So ließen Kirill Kourlaev und Olga Esina das Publikum mit ihrer Darbietung von „Le Jeune Homme et la Mort“ von Roland Petit erschaudern: Die ohnehin immer ein wenig unterkühlt wirkende Ballerina Esina schritt als verführerischer, kaltherziger Tod im gelben Kleid zur Tat. Kourlaev stemmte sich in athletischer Verzweiflung gegen das Unumgängliche und machte das Ballettstück mit seiner Darbietung spannend wie einen Krimi. Zeitgleich mit diesem ungewöhnlichen und herausragenden Stück Ballettliteratur entstand – ebenfalls für Nurejew – ein Werk völlig konträrer Prägung: der „Grand Pas Classique“ von Victor Gsovsky.
Dass beide Stücke an diesem Abend auf dem Programm standen, veranschaulicht den weiten Bogen von Nurejews Arbeit, der als Tänzer und Choreograf ein beeindruckendes Erbe hinterlassen hat. Gsovskys „Grand Pas Classique“ wurzelt in Stil und Technik in der St. Petersburger Ballettklassik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Liudmila Konovalova und Gaststar Vladimir Shklyarow vom Marrinsky-Theater gaben darin ein ebenso sympathisches wie atemberaubend exakt tanzendes Paar ab: sie bombensicher auf der Spitze, er federleicht in der Luft. Den beiden zuzuschauen war die reinste Freude.
Berückende Odette im „Schwanensee“
Und so ging es weiter. Keine einzige Enttäuschung musste das Publikum in Kauf nehmen: Es wurden vier Stunden Ballett auf höchstem Niveau geboten. Denys Cherevcyhko hob in Tschabukianis „Laurencia“ ab, Nina Poláková entzückte als Raymonda, Natalie Kusch war eine romantische Julia, Maria Yakowleva eine berückende Odette in einem Ausschnitt von „Schwanensee“. Im „Nussknacker“-Pas-de-Deux glänzten Liudmila Konovalova und Vladimir Shishov – das Stück steht kommende Saison auf dem Programm. Eno Peci holte sich in gleich zwei witzigen Rollen die Lacher auf seine Seite: mit Dagmar Kronberger in Hans van Manens „Black Cake“ und als schrulliger Ehemann in Jerome Robbins' „The Concert“. Ein Lieblingsstück des Wiener Publikums, das die ausnahmslos überzeugenden künstlerischen Leistungen an diesem Abend zu einem umjubelten Abschluss führte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
Filmstarts der WocheMysteriöse Millionäre, Tanzende Teufel
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins