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Reichenau: Nestroys Witz besiegt die übereifrige Regie

01.07.2012 | 18:08 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

"Frühere Verhältnisse" ein beliebter Einakter, amüsiert zum Festspielauftakt dank des temperamentvoll agierenden Ensembles. Vielleicht wollte die Regisseurin Maria Happel einfach zu viel.

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Stattliche 120 Mal wurde von 1830 bis 1897 am Burgtheater das Schauerdrama „Der Müller und sein Kind“ gespielt, das heute allenfalls noch in der hinreißenden Parodie von Hans Weigel von Elfriede Otts Soloabend „Phantasie in Ö-Dur“ in Erinnerung ist. In „Frühere Verhältnisse“ (1862) macht sich Nestroy lustig über den Schmachtfetzen, in dem nachts Gespenster Todgeweihter auf dem Friedhof umgehen. Die Köchin Peppi Amsel versucht sich am Theater. Sie steigt auf zur Jungfrau von Orléans, herab zur hustenden Müllerstochter und zur „Grille“, ebenfalls damals ein beliebtes Burg-Stück. Nestroy rechnet ab mit dem altmodischen Illusionstheater seiner Zeit. Er stellt handfeste Typen vor, zeigt die Brutalität des damaligen Wirtschaftssystems.

Der reiche Holzhändler Scheitermann, gewesener Hausknecht, hat die Professorentochter Josephine geheiratet und fürchtet, dass sie seine dürftigen früheren Verhältnisse entdeckt. Diese Gefahr droht, als Scheitermanns ehemaliger Chef, der heruntergekommene Unternehmer Anton Muffl, inzwischen seinerseits Hausknecht, bei Scheitermann in Dienst treten will und diesen mit seiner peinlichen Vergangenheit erpresst. Josephine wiederum stellt Peppi Amsel ein, die, vom Theater enttäuscht, an den Herd zurückkehren möchte.

 

Facettenreich: Ulrike Beimpold

Die Festspiele Reichenau, die heuer ihren 25. Geburtstag feiern, zeigten den im Sommertheater arg strapazierten Nestroy immer wieder auf neue Weise. Das ist diesmal nicht so ganz gelungen. Maria Happel, sonst in Wiener Verhältnissen trittfest unterwegs, trifft als Regisseurin den Ton nicht wirklich. Klar, Nestroy kann man auch in Hamburg oder im Spessart, wo Happel herstammt, spielen, aber in der Nähe von Wien erwartet man sich authentisches Lokal-Idiom statt opernhaften Getues und manierierten Feydeau-Spiels mit einer kuriosen Prise Bauerntheater.

Die noble Frau Josephine ließ offenkundig nichts anbrennen, bevor sie ihren Scheitermann ehelichte, vermutlich auch wegen dessen erdiger erotischer Praktiken. Der Holzhändler ist ständig hinter dem Hintern seiner Gattin her, diese Anspielung hätte man auch bei einmaliger Verwendung verstanden. Vollends schmerzhaft wird die Sache, wenn Peppi Amsel ihr berühmtes und wahrhaft entzückendes Lied von der Sehnsucht nach der Theaterwelt mit der Mimik und Gestik einer drittklassigen Operndiva untermalt. Das Publikum wirkte bei der Premiere am Samstag im Reichenauer Theater trotzdem schwer begeistert. Warum? Weil es endlich wieder ordentlichen, klassischen Nestroy serviert bekam, in der Tradition eines Otto Schenk oder Achim Benning, leider nicht in jener eines Karl Welunschek, dessen Nestroy-Inszenierungen neben allem anderen – tolle Originale (Karl Markovics, Wolfgang Böck), grimmiger Humor – vor allem das Elend der Zeit verdeutlichten.

 

Köstliche Zusatzstrophen

Auch Happel hätte aus ihrem Ensemble mehr machen können, wenn sie die Leute mehr hätte machen lassen. Vor allem Ulrike Beimpold als Josephine Scheitermann gefällt mit ungewohntem Facettenreichtum in einer undankbaren Rolle, die sonst weniger beachtet wird als der Hausknecht Anton Muffl: Ihn spielt Toni Slama. Gemeinsam mit Happel als Peppi hätte sich hier aus Nestroys Kunstfiguren das aktuelle Bild eines Paares entwickeln lassen, das sich nach mancherlei Abenteuern und Irrtümern findet. Die zwei aber verharren eher in Slapstick. Darin sind sie freilich zeitweise ausgezeichnet, während Nicolaus Hagg als Scheitermann es allzu sehr bei vordergründiger Komik belässt, ein Pappkamerad als Ehemann, der mehr Lacher auf sich zieht als er verdient.

Allerdings schrieb Hagg, der auch Autor ist und 2011 mit „Oberst Redl“ eine hoch spannende Uraufführung in Reichenau zeigte, köstliche, sprachlich stimmige Zusatzeinlagen zu diesem Nestroy, über die „Buberlpartie“, den neuen Mann. Happel probierte bei dieser kurzen Aufführung ein Gesamtkunstwerk: mit Musik, Zitaten aus der Biedermeier-Malerei, Anklängen an französische Komödien, Comedy, vermutlich ist auch der stilisierte Wortwitz, in dem manche Pointe verloren geht, weil sie zu gestelzt serviert wird, beabsichtigt. Vielleicht wollte die Regisseurin einfach zu viel. Nestroys Text, diese reichhaltige Petitesse, triumphiert an diesem Abend über alle übrigen Zutaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2012)

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