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Sven-Eric Bechtolf: "Der Mensch an sich ist gefährlich!"

14.07.2012 | 18:06 |  von NORBERT MAYER (Die Presse)

Der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele über Kleist, "Art Brut" mit Raimund und Humor bei Kafka. Intendant Pereiras Rücktrittsdrohung, sagt Bechtolf, sollte ernst genommen werden.

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Das Auffälligste an Ihrem opulenten ersten Theaterprogramm für die Salzburger Festspiele ist eine kleine Form: Puppentheater. Wie kam es zu dieser charmanten Idee?

Sven-Eric Bechtolf: Ich hoffe, dass es nicht der auffälligste Programmpunkt bleibt! Das Figurentheater repräsentiert sinnfällig, worum es im Theater zwischen Zuschauern und Darstellern zuallererst geht: Gemeinsam eine Illusion zu erschaffen, animistisch etwas ins Leben treten zu lassen, eine Wirklichkeit zu erfinden und zu durchleben, die von der Realität widerlegt wird, aber für diesen zauberischen Moment durch Empathie einerseits und Kunstfertigkeit andererseits doch existiert. Das Theater hat die mysteriöse Fähigkeit, die Verlässlichkeit der „Realität“ in Zweifel zu ziehen.

Sind Sie selbst Puppenspieler? Wer hat Sie mit dieser Zauberform bekannt gemacht?

Nein, ich lasse die Puppen niemals tanzen. Eher andersherum. Mein Urgroßvater, ein hanseatischer Bankrotteur, hat uns ein selbstgefertigtes Theaterchen mitsamt Puppen hinterlassen. Mein Bruder hat damit Aufführungen veranstaltet und später mit uns fünf Geschwistern richtige, ausgewachsene Inszenierungen auf dem Speicher des elterlichen Hauses veranstaltet. So bin ich zum Theater gekommen.

Welcher Zauberer weiß mehr über die Machtspielchen der Menschen – der depressive Raimund oder der lustige Kafka?

Der lustige Kafka? – das habe ich noch nie gehört. Allerdings hat sein Freund Max Brod über ihn gesagt, er habe „religiösen Humor“ besessen. Franz Kafka ist vielleicht komisch, ja – aber lustig? Raimund ist ein bisschen wie „Art Brut“, der Tiefsinn seiner abenteuerlichen Konstruktionen dürfte ihm selbst nicht völlig klar gewesen sein. Kafka hingegen weiß in jedem Augenblick ganz genau, was er tut.

Andrea Breth inszeniert die erste Premiere, Kleists „Prinz von Homburg“. Können Sie aus seinem berühmten Aufsatz über das Marionettentheater zitieren?

„Die Seele sitzt ihm gar – es ist ein Schrecken es zu sehen – im Ellenbogen!“ Kleists Text ist von nicht auslotbarer philosophischer Bedeutung, zentral für den Theaterberuf. Hans-Michael Rehberg wird ihn in seinem Programm „Gott und Gliedermann“ im Landestheater vortragen.

 

Kleist reichte den „Prinz von Homburg“ Wochen vor seinem Freitod bangend bei Hofe ein, er fand jedoch keine Anerkennung in Berlin. Können Sie sich diese Tragödie erklären?

Natürlich! Kleist fordert den Hof – gewidmet ist das Werk der Prinzessin Amalie von Preußen – ja indirekt auf, sich dem Kampf gegen Napoleon zu stellen. Im Übrigen ist die Darstellung des Kurfürsten und eines Kavalleriegenerals wie Homburg dem Hofe sicher suspekt, gewiss aber unliebsam gewesen. Uns Heutigen bleibt Kleist noch meistenteils verschlossen. Wie sollten ausgerechnet preußische Krautjunker und Militaristen wirklich begreifen, was ihn bewegt hat? Selbst Goethe hat nicht einmal den „Zerbrochenen Krug“ angemessen gewürdigt oder verstanden! Kleist war zu Lebzeiten in allen seinen Unternehmungen glücklos. Er wäre es heute ebenso. Das ist ein Dichter für die Ewigkeit. Auch wir vertrösten ihn noch darauf.

Bei Ihnen führen starke Frauen Regie, nicht nur auf den großen Bühnen, sondern auch beim Young Directors Project (YDP).

Ich mag den Begriff „starke Frauen“ nicht. Er insinuiert einen Ausnahmefall. So wie etwa „schwache Männer“ unterstellt, es sei die eigentliche Aufgabe des Mannes, stark zu sein. Ich habe auch nicht Männer und Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen engagiert, sondern lediglich Künstler und Künstlerinnen, Theatermenschen.

Was haben Sie bisher an Überraschendem bei der jungen Theaterschiene entdeckt?

Was ist um Gottes Willen eine „Theaterschiene“? Wir fahren doch nicht auf Gleisen. Im Gegenteil. Ich bin doch gerade dabei, diese Einschränkungen zu beseitigen. Heuer wird Gisèle Vienne, eine Künstlerin, die an der Schnittstelle zur bildenden Kunst steht, zwei Arbeiten präsentieren, eine im Republic, die andere in der Eisarena im Volksgarten, die sie als zusammengehörend konzipiert hat, aber erstmals in Salzburg gemeinsam an einem Abend zeigen kann. Es sind dies „This is how you will disappear“ und „Eternelle Idol“. Yo Sup Bae und „Tuida“ zeigen einen „Hamlet Cantabile“ und entdecken die Verbindung von europäischen und asiatischen Theaterformen für sich. Cornelia Rainer aus Österreich beschäftigt sich mit dem – neben Kleist – unglücklichsten deutschen „Klassiker“, dem Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz – und die junge südafrikanische Regisseurin Princess Zinzi Mhlongo zeigt mit dem Stück „Trapped“, was sie sich unter Freiheit und Unfreiheit vorstellt.

Wohin geht der Trend für die nächsten fünf Jahre? Sie können das ja beeinflussen.

Ich unterliege keinen Trends, vermutlich begründe ich auch keine. Ich mag keine Trends. Trends sind die Zuflüsse des Mainstreams. Gegen den opponiere ich um der vielgestaltigen Möglichkeiten unseres Berufes wegen gerne. Wohin es geht? Buchstäblich der Nase lang. Meiner Nase natürlich. Ich habe den diesjährigen und zukünftigen Spielplänen lediglich eine Struktur verordnet: Wollen wir jedes Jahr einen „Klassiker“ bzw. ein großes Werk des Kanons spielen? Wollen wir eine spartenüberschreitende Aufführung kreieren? Werden wir Figurentheater – und das ist weit mehr als Puppenspiel – machen? Werden wir ein Kinderstück produzieren, eine österreichische Uraufführung auf die Bühne bringen, das YDP fortführen, den Jedermann weiter zeigen? Werden wir jedes Jahr eine internationale Produktion einladen oder produzieren? Werden wir eine thematische oder direkte Querverbindung zum Opernprogramm herstellen?

Sie selbst nehmen sich beim Inszenieren und auch beim Spielen zurück. Schmerzt das nicht, gerade an einem illustren Festival-Ort wie Salzburg?

Überhaupt nicht. Ich inszeniere ja – dieses Jahr die „Ariadne auf Naxos“. Als Schauspieler habe ich mich in Salzburg – inklusive Domplatz – rechtschaffen ausgetobt.

Aber wenigstens den „Jedermann“ könnten Sie sich demnächst als Regisseur vornehmen. Wer war für Sie in der langen Geschichte der Festspiele der Jedermann, der Sie am ehesten bußfertig machte, wer die Buhlschaft, die all die guten Vorsätze vergessen ließ?

Ich erinnere mich gerne an Moissi. Ich war zwar 1922 noch recht jung, aber sein Ton, diese klagend verlockende Stimme ist mir unvergesslich. Simonischek und Ofczarek sind und waren auch nicht übel! Senta Berger! Und Birgit Minichmayr. Und Eva Longoria – oder hat die das nie gespielt?

Sie nehmen die Festspiele wörtlich und wollen den Sommer richtig feiern. Es richtig krachen lassen. Das ist in diesem Krisenjahr vielleicht ein bisschen frivol. Wo bleibt die Gesellschaftskritik in Ihrem Theater?

Es krachen lassen? Das macht man doch wohl eher in einem Bumslokal auf der Dorfkirmes. Ich habe es noch nie „krachen“ lassen. Ich kann „Krach“ nicht leiden. Das Wort „feiern“ ist von mir in Hinsicht auf „Fest“-Spiele und „Feierlichkeit“ gebraucht worden. Das ist doch etwas völlig anderes. Ich kann auch keine Frivolität in unserer seriösen und absolut künstlerischen Arbeit und unseren Absichten entdecken. Seit wann soll denn die Hinwendung zu dem, was unsere Gattung überhaupt erst legitimiert, frivol sein. Speziell in einem Krisenjahr.

Braucht man das Politische auf der Bühne überhaupt, oder wurde das von einem gewissen Typus an Regisseuren überschätzt?

Brecht hat gesagt: „Auch die Anstrengung, gut zu sein, verzerrt die Züge.“ Es ist die Frage ob sich Hässlichkeit durch Hässlichkeit, Krach durch Krach und Grobheit durch Grobheit bekämpfen lässt. Oder nicht doch eher durch Schönheit, Stille und Anmut. Ob wir also nicht unsere Anstrengungen dahingehend mobilisieren sollten, aktiv zu betreiben, an was wir glauben, statt reaktiv zu beklagen, was wir vermissen. Das Theater – im Großen wie im Kleinen gefallsüchtig – steht immer in der Gefahr, ein Symptom der Krankheit zu werden, die es zu diagnostizieren meint. Darüber hinaus: Seit der Antike warnt das Theater vor der Selbstermächtigung des Menschen gegenüber den Göttern. Tiefes Misstrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten soll uns – in meinen Augen – das Theater lehren. Dieses Misstrauen erstreckt sich bei mir auch auf die sogenannten „kritischen“ Stimmen. Würden die Erkundungen des Theaters sich dem ewigen Verursacher der zu beklagenden tagesaktuellen Probleme zuwenden, dem Menschen, und nicht empört dem flüchtigen Missstand an sich, wäre vielleicht die Folge, dass wir uns als das unberechenbare, gefährliche und gefährdete Wesen begreifen lernten, das wir sind. Dass wir verstünden, dass unsere „Lösungen“ von heute die Probleme von morgen sind. Ich wünsche mir vom Theater furchtlosere Befunde und Äußerungen als „Gesellschaftskritik“. Shakespeare hat gesagt, wir seien aus jenem Stoff gemacht, aus dem die Träume sind, und unser kleines Leben sei eingebettet in den Schlaf. Das gilt auch für die, die behaupten, wach zu sein. Ich bin Skeptiker, nicht Eskapist – und ich fürchte die Gerechten. Im Übrigen gilt: Natürlich kann, darf, soll ein Künstler sich in seiner Arbeit mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen. Wenn er ein Künstler ist. Wenn nicht, wird er auch durch seine politischen Überzeugungen nicht zu einem.

 

Salzburg ist Ihnen seit Langem vertraut. Hat sich die Stadt aber für Sie dadurch verändert, dass Sie jetzt eine ganz andere Funktion haben und seit dem Vorjahr auf lange Zeit Dauergast in der Stadt sind?

Nein. Ich mag Salzburg sehr. Ich habe am Mozarteum studiert und schon daher eine sentimentale Verbindung zu dieser Stadt. Wenn ich alles hier Erlebte Revue passieren lasse, fühle ich Dankbarkeit. Außerdem leben meine besten Freunde hier, jetzt bin ich ihnen noch näher, das ist auch schön.

Ihr Intendant hat mit Rücktritt gedroht. War das mehr als nur Theaterdonner?

Ja.

 

Braucht das Festival wirklich mehr öffentliche Gelder? Niemand hat Pereira gezwungen, das Programm auszuweiten und eine Rekordmenge an Karten aufzulegen.

Pereira hat in zweiter Linie, sozusagen als Konsequenz, nach mehr öffentlichen Geldern verlangt. Um wenigstens die Tariferhöhung auszugleichen, die das Boot „Salzburger Festspiele“ leckschlagen lassen: Jedes Jahr um ca. 500.000 Euro mehr. Das heißt 2011 500.000 Euro, 2012 eine Mio. Euro, 2013 1,5 Mio. Euro weniger für die Kunst. Der erste, dem das aufgefallen ist, war Alexander Pereira. Für diese Scharfsinnigkeit ist er engagiert worden. Er kann sich ja nicht die Augen verbinden. In erster Linie will er lediglich Geld durch Sponsoring einnehmen, um den Festspielen ein unvergleichliches Programm zu ermöglichen. Wieso regen sich ausgerechnet die auf, die davon profitieren?

 

Wie sollten die richtigen Rahmenbedingungen sein. Was meinen Sie?

Mut zu Wachstum und Vertrauen in Pereira.

 

Wohin ziehen Sie sich zurück, wenn Sie vom Sommertrubel auf einem knappen Quadratkilometer Innenstadt genug haben?

In ein Häuschen von Freunden außerhalb und in meine Wohnung in Wien.

 

War die Vorbereitung auf die erste Saison schwerer, als Sie erwartet haben?

Nein.

Welche Momente des Glücks und des Scheiterns haben Sie dabei empfunden?

Im Augenblick sind die Gefühle von Niederlagen und Erfolgen nicht vorhanden. Aber das wird gewiss noch kommen. Wir arbeiten, das ist zwar unspektakulär und prosaisch – aber mehr geschieht zur Zeit nicht.

Im nächsten Jahr wird alles (noch) besser, sagt der Optimist. Was dürfen wir 2013 erwarten.

2013 ist vorbei, auch 2014 neigt sich dem Ende zu – in unseren Vorbereitungen. Was Sie da erwartet? Hoffentlich Schönes, Anderes, Beglückendes. Aber versprechen kann ich Ihnen nichts. Außer: Wir arbeiten daran.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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