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Die Macht der Torheit: Fabre schockiert an der Burg

19.07.2012 | 18:21 |  ISABELLA WALLNÖFER (Die Presse)

Mit zwei historischen Arbeiten in Marathon-Länge ist Jan Fabre beim zeitgenössischen Tanzfestival zu Gast.

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Jan Fabre ist ein Meister der drastischen Mittel. Er lässt nichts und niemanden ungerührt – das Publikum nicht, das Mittwochabend während der ImPulsTanz-Aufführung von „The Power of Theatrical Madness“ teilweise empört das Burgtheater verließ. Und auch die Schauspieler nicht, die sich bis zur Erschöpfung verausgaben, bis zur Schmerzgrenze aufeinander losgehen und sich auch der Lächerlichkeit preisgeben müssen. Viereinhalb Stunden lang.

Was man da zu sehen bekam, war teilweise sehr unterhaltsam, teilweise schwer zu ertragen – in jedem Fall bewusst übersteigert durch die ständige, konzentrierte Wiederholung der einzelnen Szenen, die den schrecklichen wie den humoristischen Momenten noch mehr Wucht und Eindrücklichkeit verleiht. In einer langen Szene hält einer der Kollegen eine Darstellerin mit Gewalt davon ab, vom Zuschauerraum auf die Bühne zurückzukehren. Während er sie an den Armen reißt, sie mit den Füßen über die Rampe vor das erschrockene Publikum in der ersten Reihe stößt, sie mit dem Rücken an der Kante entlang schleift, schreit er ihr in ständiger Wiederholung eine Frage entgegen: „1876?“. Erst als sie – nach auch für den Betrachter quälenden Torturen – endlich die Antwort weiß (es ist das Premierenjahr von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“) darf sie sich wieder zu den anderen gesellen. Es ist Fabres Reminiszenz an Wagner, der das Gesamtkunstwerk zu seinem Anspruch erhoben hatte.

 

Gesamtkunstwerk für Auge und Ohr

Auch Fabres Stück ist ein Gesamtkunstwerk: Er wirft riesige Ausschnitte von historischen Gemälden an die Rückwand der Bühne, die von Mythen und Heldensagen erzählen. Er schafft mit der Strahlkraft seiner Darsteller immer wieder neue Assoziationen – von jonglierenden Gauklern, strengen Museumswärtern, sich schmatzend küssenden Liebenden oder sabbernden Hunden. Er schockiert mit der Wucht und der hartnäckigen Dauer der dargestellten Zerstörung (am Ende ist der Saal nur noch halb voll) und amüsiert im nächsten Moment mit grotesken Aktionen oder einer Replik auf Monty Python. Musikalische Zitate von Wagner, Strauss, Schoeck und Bizet mischen sich mit dem Minimalismus von Wim Mertens.

Bildgewaltig thematisiert Fabre die Frage der Macht: Der Kaiser wird verehrt, die Hunde müssen gehorchen, eine Frau wird so lange auf den nackten Po geschlagen, bis sie die Antwort auf die Frage brüllt: „1982?“ – „This is theatre like it was to be expected and foreseen“. Es ist der Titel eines anderen Fabre-Stücks, das ebenfalls dieses Wochenende beim ImPulsTanz-Festival zu sehen sein wird und acht Stunden dauert. Die Wiederaufnahmen der beiden historischen Arbeiten dient Fabre als Vorbereitung für seinen für 2014 geplanten 24-Stunden-Marathon-Theaterabend „Mount Olympus“. Die junge Generation von Performern solle sich so mit seiner Arbeit vertraut machen, meint er. Sie waren Mitte der 1980er Jahre noch nicht dabei, als er mit „Die Macht der theatralen Torheit“ (so der übersetzte Titel) bei der Uraufführung für Aufsehen sorgte. Fabre habe „einen Krater in die Welt des Theaters seiner Zeit“ geschlagen, habe einen Meilenstein gesetzt, heißt es. Jedenfalls ist ihm damit der Durchbruch gelungen.

Damals wie heute spaltet Fabre sein Publikum. Die einen ergreifen die Flucht. Die anderen tauchen ein in das Spektakel und lassen sich von der exzessiven Wucht der Darstellung mitreißen. Den Darstellern verlangt Fabre alles ab, sie ziehen sich im Akkord aus und wieder an, betreiben Dauerlauf bis zum Umfallen, lassen sich schlagen. Das Publikum war begeistert. Zu Recht!

„This is Theatre Like It Was To Be Expected and Foreseen“: 21. 7. (21–5h), 22. 7. (19–3h), MQ, Halle G; www.impulstanz.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)

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