Das Übliche! Tostender Applaus für den Dirigenten, den mittlerweile unumschränkten Herrscher von Bayreuth, Christian Thielemann. Viel Applaus für die Sänger, allen voran die neue Senta, Adrianne Pieczonka, deren Sopran zu voller, dramatischer Blüte gelangt ist, aber immer noch über die nötige Leichtigkeit verfügt, auch die lyrischen Passagen der heiklen Partie hinreißend schön zu singen. Die Regie hingegen stieß wieder einmal auf heftige Ablehnung.
Das Übliche?
Es hat - auch in Bayreuth - schon schrecklichere szenische Missgriffe gegeben als diesen. Das Team um Jan Philip Gloger verwandelt die Nordsee in einen Daten-Highway und die Spinnstube in eine Verpackungszentrale für Ventilatoren. Licht- und Blitzspiele im ersten Akt suggerieren immerhin die gespenstische Atmosphäre recht tauglich, sodass die Personenführung, dort, wo sie stringent ist, zu artigen Ergebnissen führt: Das Zusammenspiel des exzellent singenden Steuermanns (aus dem Wiener Ensemble: Benjamin Bruns) mit dem soliden Daland von Franz Josef Selig ist nicht frei von theatralischen Kunststückchen. Wie sich der Jüngere, ein rechter Angsthase, vom Älteren die Grundregeln weltmännischen Gehabes abschaut, hat inszenatorische Methode.
Sobald der Holländer auftritt, rutscht Gloger freilich in Banalitäten ab: Der weitgereiste Herr, der nicht sterben kann und immer neue Reichtümer anhäuft, wird während seines Monologs von Damen umschwärmt. Dergleichen No-na-Theater schwächt die Wirkung eher ab, als dass es ihr nützte. Und auf Pappkartons im Arbeitslicht entfaltet sich die Poesie eines Liebesduetts nie und nimmer. Da nützt die leiseste Drehbühne nichts. Und auch nicht, dass die Pieczonka wie Engel singt - Papp-Flügel bräucht's nicht, dass alle im Zuschauerraum das mitbekommen . . .
Ein Patscherl mit fetten Haaren
Samuel Youn, der für den wegen einer Jugend-Torheit etwas übereilt gefeuerten Evgeni Nikitin einsprang, kann der grandiosen Partnerin nicht Paroli bieten. Er bewältigt die Vokal-Aufgabe, die Wagner seinem Titelhelden stellt, mit Anstand. Insofern ist der dem Widersacher Erik, Michael König, absolut ebenbürtig. Der ist kein Jäger, sondern Haus-Mechaniker in Dalands Fabrik, ein Patscherl mit fetten Haaren und Arbeitskittel - dass Senta sich von seinen Plastikblümchen nicht beeindrucken lässt und lieber ihr Papp-Illusionstheater weiter rot bemalt, leuchtet ein.
Zur „Beleuchtung" des Innenlebens von Wagners erstem vollgültigen Musikdrama trägt das allerdings nicht bei. Die findet leidglich orchestral statt. Da allerdings in allen Farben und Schattierungen, die sich denken lassen. Die Sensation dieser Bayreuther Neueinstudierung war zwar angesichts von Christian Thielemanns singulärem Ruf als Wagner-Interpret in unseren Tagen absehbar. Allein, was diesmal an klanglicher Vielschichtigkeit aus dem überdeckten Orchestergraben kam, hat in der jüngeren Geschichte der Wagner-Festspiele kaum Seinesgleichen. Gerade der „Holländer" gilt (neben den „Meistersingern") als schlichtweg unrealisierbar im für den „Ring des Nibelungen" oder den „Parsifal" gebauten Haus. Die hochromantische Klang-Ästhetik des Frühwerks lässt sich ohne die „Direkteinwirkung" des Orchesterklangs auf das Ohr des Zuhörers kaum umsetzen.
So dachte man. Seit dem 25. Juli 2012 weiß man es besser. Das Bayreuther Orchester zaubert Stimmungswerte in den Saal, wie man sie vielgestaltiger und berührender nicht denken kann. Das tröstet den Musikfreund sogar darüber hinweg, dass der Chor sein legendäres Bayreuther Niveau diesmal nicht annähernd erreicht. Obwohl sogar die Mannen des Holländerschiffs diesmal leibhaftig auf der Szene erscheinen und nicht aus dem Off singen müssen - man sie schon kraftvoller, beeindruckender hören können als diesmal.


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