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Bayreuth eröffnete mit neuem "Fliegendem Holländer"

25.07.2012 | 21:36 |  von Wilhelm Sinkovicz (DiePresse.com)

Der Ersatz-Titelheld schlug sich tapfer, Dirigent Christian Thielemann erntete Ovationen, das Regie-Team einen Buh-Orkan.

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Das Übliche! Tostender Applaus für den Dirigenten, den mittlerweile unumschränkten Herrscher von Bayreuth, Christian Thielemann. Viel Applaus für die Sänger, allen voran die neue Senta, Adrianne Pieczonka, deren Sopran zu voller, dramatischer Blüte gelangt ist, aber immer noch über die nötige Leichtigkeit verfügt, auch die lyrischen Passagen der heiklen Partie hinreißend schön zu singen. Die Regie hingegen stieß wieder einmal auf heftige Ablehnung.

Das Übliche?

Es hat - auch in Bayreuth - schon schrecklichere szenische Missgriffe gegeben als diesen. Das Team um Jan Philip Gloger verwandelt die Nordsee in einen Daten-Highway und die Spinnstube in eine Verpackungszentrale für Ventilatoren. Licht- und Blitzspiele im ersten Akt suggerieren immerhin die gespenstische Atmosphäre recht tauglich, sodass die Personenführung, dort, wo sie stringent ist, zu artigen Ergebnissen führt: Das Zusammenspiel des exzellent singenden Steuermanns (aus dem Wiener Ensemble: Benjamin Bruns) mit dem soliden Daland von Franz Josef Selig ist nicht frei von theatralischen Kunststückchen. Wie sich der Jüngere, ein rechter Angsthase, vom Älteren die Grundregeln weltmännischen Gehabes abschaut, hat inszenatorische Methode.

bayreuther Festspiele (Enrico Nawrath)

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Sobald der Holländer auftritt, rutscht Gloger freilich in Banalitäten ab: Der weitgereiste Herr, der nicht sterben kann und immer neue Reichtümer anhäuft, wird während seines Monologs von Damen umschwärmt. Dergleichen No-na-Theater schwächt die Wirkung eher ab, als dass es ihr nützte. Und auf Pappkartons im Arbeitslicht entfaltet sich die Poesie eines Liebesduetts nie und nimmer. Da nützt die leiseste Drehbühne nichts. Und auch nicht, dass die Pieczonka wie Engel singt - Papp-Flügel bräucht's nicht, dass alle im Zuschauerraum das mitbekommen . . .

Ein Patscherl mit fetten Haaren

Samuel Youn, der für den wegen einer Jugend-Torheit etwas übereilt gefeuerten Evgeni Nikitin einsprang, kann der grandiosen Partnerin nicht Paroli bieten. Er bewältigt die Vokal-Aufgabe, die Wagner seinem Titelhelden stellt, mit Anstand. Insofern ist der dem Widersacher Erik, Michael König, absolut ebenbürtig. Der ist kein Jäger, sondern Haus-Mechaniker in Dalands Fabrik, ein Patscherl mit fetten Haaren und Arbeitskittel - dass Senta sich von seinen Plastikblümchen nicht beeindrucken lässt und lieber ihr Papp-Illusionstheater weiter rot bemalt, leuchtet ein.

bayreuther Festspiele (Enrico Nawrath)

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Zur „Beleuchtung" des Innenlebens von Wagners erstem vollgültigen Musikdrama trägt das allerdings nicht bei. Die findet leidglich orchestral statt. Da allerdings in allen Farben und Schattierungen, die sich denken lassen. Die Sensation dieser Bayreuther Neueinstudierung war zwar angesichts von Christian Thielemanns singulärem Ruf als Wagner-Interpret in unseren Tagen absehbar. Allein, was diesmal an klanglicher Vielschichtigkeit aus dem überdeckten Orchestergraben kam, hat in der jüngeren Geschichte der Wagner-Festspiele kaum Seinesgleichen. Gerade der „Holländer" gilt (neben den „Meistersingern") als schlichtweg unrealisierbar im für den „Ring des Nibelungen" oder den „Parsifal" gebauten Haus. Die hochromantische Klang-Ästhetik des Frühwerks lässt sich ohne die „Direkteinwirkung" des Orchesterklangs auf das Ohr des Zuhörers kaum umsetzen.

So dachte man. Seit dem 25. Juli 2012 weiß man es besser. Das Bayreuther Orchester zaubert Stimmungswerte in den Saal, wie man sie vielgestaltiger und berührender nicht denken kann. Das tröstet den Musikfreund sogar darüber hinweg, dass der Chor sein legendäres Bayreuther Niveau diesmal nicht annähernd erreicht. Obwohl sogar die Mannen des Holländerschiffs diesmal leibhaftig auf der Szene erscheinen und nicht aus dem Off singen müssen - man sie schon kraftvoller, beeindruckender hören können als diesmal.

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4 Kommentare
Gast: Norn
26.07.2012 14:19
2 0

musikalisch konservativ, die Thielemann Groupies übeglücklich und die Regie...

es gab schon Schlimmeres, aber warum entscheidet man sich in Bayreuth da nicht auch für den erzkonservativen Gang, wenn man's beim Dirigat tut? Dann wär's stimmig.

Gast: Sachs
26.07.2012 08:34
1 0

Wenn das der erste Holländer

gewesen wäre, den ich gehört hätte, hätte das Werk jedenfalls sicher keine Chance gehabt zu einem meiner Lieblingswerke zu werden.

Die einzige gute Besetzung war die Senta, der Rest war bestenfalls akzeptabel - woran zum Teil sicher auch das bei Thielemann übliche extrem langweilige Dirigat schuld war, zum Teil aber sicher auch eine Besetzung (wie in Bayreuth in den letzten Jahren leider zur Norm werdend) die normalerweise an 2.- und 3.-klassigen Häusern zu finden ist - womit Thielemann immerhin auch wieder den ihm gebührenden Platz gefunden hat.

Gast: H. Thurnbichler
26.07.2012 07:44
3 0

Sehr geehrter Herr Sinkovicz!

"Es hat - auch in Bayreuth - schon schrecklichere szenische Missgriffe gegeben als diesen."

Und genau das ist das Problem: Es gibt nur mehr ganz schreckliche oder weniger schreckliche Regierarbeiten. Und das ist - schrecklich traurig!

habs nur gehört, kanns musikalisch nur bestätigen

senta, daland, steuermann waren ausgezeichnet, der chor in der tat nicht so wie sonst in bayreuth....aber ich habe wohl noch die pitz und balatsch chöre im ohr

und dank der plastischen szenischen beschreibung oben, bin ich einmal mehr froh das ich bayreuth nur mehr höre und 2001 die besuche verweigere.