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Puppe Betty in der Patchworkfamilie

10.08.2012 | 18:25 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

„Mojo“ von „Theatre-Rites“ aus London zeigt auf der Pernerinsel die Wachstumsphasen eines Kindes. Ein temperamentvolles, zauberhaftes, schlichtes Spektakel.

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Was teilt alle Welt? Was kennt jeder? Diese Überlegungen sind nicht nur beim Film Ausgangspunkt für Blockbuster, sondern auch dort, wo Theater sich auf den Markt verlassen muss, weil es wenig öffentliche Subventionen gibt. Aus London kommt „Theatre-Rites“ zu den Festspielen auf die Halleiner Perner Insel, die heuer ihren 20.Geburtstag als Schauplatz für Bühnenkunst feiert. Peter Stein zeigte hier „Libussa“, Nicolas Stemann „Faust“, Klaus Maria Brandauer war als Ödipus zu erleben.

Ein Spektakel wie „Mojo“, gedacht für „alle Kinder, die noch wachsen wollen“, wie es im Aviso heißt, wirkt dagegen naturgemäß schlicht. Wobei „Mojo“ ein durchaus komplexer Begriff ist. Es handelt sich um einen Talisman, einen Glücksbringer, der Begriff stammt aus Afrika, wurde mit den Sklaven nach Amerika gebracht und dort in der Popmusik verwendet, wo er eine sexuelle Bedeutung hat, die allerdings im Kindertheater (die Aufführung ist für Kids ab fünf Jahren bestimmt) wohl kaum eine Rolle spielt. Bei „Theatre-Rites“ weisen die „Mojo“ genannten Säckchen, die mit Kräutern, Maskottchen gefüllt und um den Hals gehängt werden, den Weg zu einem glücklichen Leben, welches speziell jede Art von Kunstausübung verspricht.

 

Künstler aus Londons Osten

Das ist eine hübsche Botschaft, speziell in Salzburg, wo man eher dem Mammon als Frohsinnbringer vertraut. Auf jeden Fall ist es höchst positiv zu bewerten, dass sich die „elitären“ Festspiele, die sich Familien oft nicht leisten können, erstmals explizit der Kleinen annehmen. Geboten wird kurz gesagt nonverbales Illusionstheater mit Schauspielern, Musik und einer Puppe namens Betty, die sogar einen kleinen Text für das Programmheft geliefert hat: Sie stammt aus einer Künstlerfamilie im Osten Londons, nahe dem Olympia-Stadion, und steht wie die Olympioniken gern im Mittelpunkt. Das passiert Kindern heute sehr oft – sie wachsen wie auch Betty in Patchwork-oder Großfamilien auf. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Modellen sind nicht so gewaltig.

Sieben Akteure tanzen also um Betty herum, die wir zunächst als Baby sehen, gebildet aus einem Viereck und einer Kugel sowie Tütchen für Hände und Füße, die wie Federbälle aussehen. Betty wächst heran, sie tut nicht, was sie umschwirrende Erwachsene wollen – kein graziles Tanzen also, stattdessen stampft sie unbeirrt auf einer Holzkiste, was man als trotzigen Akt der Selbstbehauptung interpretieren kann. Beinahe bekommt sie eine Ohrfeige, was die Menschengruppe fast mehr zu entsetzen scheint als das Puppenkind, das sich gern von einem der „Väter“ trösten lässt. Vollends emanzipiert sich Betty von ihren Erziehungsberechtigten als Teenie.

Das sind die komischsten Szenen an dem mit 90 Minuten kurzen Abend: Betty will nicht mehr, wie es einer Puppe geziemt, geführt werden, sie lehnt alles ab, was die Gruppe will, Ratschläge für ihre Haartracht, auch die ihr empfohlene Musik. Beharrlich schüttelt sie den Kopf bei allen An- und Zumutungen. Sie bleibt schließlich frei, aber einsam im Schwarzen hängen. Diese Blackbox könnte man kühn als kosmische Ursuppe sehen, aus der allerhand geboren wird, erscheint, wieder verschwindet – etwa ein blaues, spindeldürres Geschöpf mit Federkrone, ein indianischer Gott vielleicht? Die „Erde“ ist eine Scheibe, ein unregelmäßiges Viereck, in dem sich bunte Klappen öffnen, die ihrerseits allerhand verschlingen und hervorbringen, zum Beispiel einen gruseligen roten Kraken.

 

Der rote Krake wird zerlegt

Angst macht hier aber nichts, auch der Krake wird, nachdem er versucht hat, einen der Akteure zu erdrücken, ohne viel Federlesens zerlegt und wieder versenkt.

Ach, wenn doch auch das richtige Leben so einfach wäre! Aber zu viel Philosophie sollte man sowieso nicht in dieses Stückchen hineininterpretieren. Die Hauptsache ist der Spaß, und für den ist reichlich gesorgt, wenn Betty beim Hütchenspiel vollständig verschwindet oder von einem ebenfalls aus Tütchen und Fransenbündeln gebildeten Vogel Strauß verfolgt wird. Die multikulturelle Künstlergruppe agiert perfekt. Berührend sind die Lieder, welche die Lebensstationen des Kindes illustrieren, von der magischen Phase äußerlicher Genügsamkeit bis zum schrillen Protest.

Den größten Effekt erzielt der brasilianische Percussionist und Komponist Adriano Adewale mit seinem furiosen Spiel auf verschiedenen Instrumenten, Tamburin, Schlagzeug, verschiedenen Xylofonen. Frenetischer Applaus der Großen wie der Kleinen belohnte das bezaubernde Spektakel, bei dem man am Schluss sogar ein bisschen mitspielen durfte. Sollten sich die Festspiele entschließen, das Kinderprogramm fortzusetzen, könnte man auch einmal Anspruchsvolleres einladen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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