Sie werden nach sieben Jahren das 3raum- anatomietheater aufgeben. Warum?
Hubsi Kramar: Unser Pachtvertrag läuft aus. Ich bin ein Reisender, mache nomadisches Theater, suche mir dafür passende Räume. Für dieses Haus habe ich viel Enthusiasmus aufgebracht. Ideen allein sind zu wenig. Man muss sie materialisieren können. Ich frage mich immer: Was will der Raum von mir? Hat er Poesie? Was erzählt er mir? Eine alte Industriehalle, wie etwa das ehemalige Kabelwerk, hat durch seine Vergangenheit und Form eine vielschichtige Bedeutung. Die anatomischen Räume hier, mit ihrer grausamen Geschichte, fand ich sehr spannend. Ich stamme aus einer Arztfamilie. Auch mein Bruder ist Arzt. In dieser Tradition sehe ich mich. Theater ist für mich ein Heilungsprozess. Ich arbeite viel mit Missbrauchsopfern und gesellschaftlichen Außenseitern.
Ist das der Hauptzweck? Denken Sie doch an das erbauliche bürgerliche Theater!
Theater ist für mich dann gut, wenn zur Unterhaltung auch Erkenntnis vermittelt wird. Es geht mir, bewusst oder unbewusst, immer um den besseren Menschen, die Verbesserung der Gesellschaft. Für mich ist es immens wichtig, dass die Schauspieler gruppenfähig sind. Ohne menschliche Qualität nützt das Können nicht viel. Bei uns sollen Leute besser rausgehen, als sie reinkommen. Das Wesentliche aber sind nicht Bühne, Kostüme, nicht einmal die Stücke, sondern die Schauspieler. Ohne Schauspieler kein Theater.
Wie steht es um das Schauspiel in der Krise?
Die Situation wird nicht einfacher, obwohl man in Wien noch immer gute Möglichkeiten hat, als Künstler zu arbeiten. Schauspielerei ist ein schwerer Beruf: ganz innerlich zu sein und gleichzeitig ganz aus sich herauszugehen, sich völlig zu entblößen. Das halten nicht viele durch. Nietzsche hat gesagt, Schauspieler zu sein, sei das Schlimmste. Er braucht täglich von Neuem den Applaus, das zeugt doch von einem enormen Mangel. Ich weiß auch nicht, warum ich einen so exhibitionistischen Beruf wählte. Als Kind wollte ich immer eine Tarnkappe haben. Aber ich spiele eben auch für mein Leben gern, welche Rolle auch immer – einen alten Mann, das Gretchen, den Hitler oder Christus etc. Wir spielen doch in Wirklichkeit alle. Wer sind wir denn selbst? – Suchende.
Hitler war Ihr größter Hit, beim Opernball im Jahr 2000 sind Sie als Führer in Uniform aufgetreten. Wie kam es dazu?
Hitler war ein Zufall, schon vor dem Opernball. Bei „Nazis im Weltall“ sollte ich einen Gefreiten spielen. Der Schauspieler, der für Hitler vorgesehen war, war nicht da, als das Produktionsfoto gemacht werden sollte. Da hat man mir gesagt: „Geh, Hubsi, zieh du die Hitler-Uniform an!“ Sofort ist die Maschine angesprungen. Ich bin in den Hitler reingestolpert. Vierzehn Jahre spiele ich ihn bereits, mit Peter Paul Skrepek als Helmut Zilk. Mein Lieblingsstück ist (Alfred Jarrys) „Ubu“. Es ist eine wunderbare, anarchistische Groteske. Die feigsten Schweine werden die größten Welteroberer und Massenmörder. Ubu hat alle Facetten der menschlichen Gemeinheiten und Abgründe. Auch die eines Hitler. Meine Arbeit spielt sich immer vor dem Hintergrund des Holocaust ab. Um das geht es mir, nicht um links oder rechts. Ich will nicht, dass es wieder zu solchen Zuständen kommt. Mein Auftritt beim Opernball war doch totales Theater. Alle haben mitgespielt.
Was hat Ihr Vater gesagt, als Sie ihm sagten, Sie wollten Künstler werden?
Mein Vater war ein Kriegsheimkehrer von der Ostfront, vom Krieg beschädigt. Er wollte, dass ich Arzt werde. Ich habe ihm gesagt, dass ich es mit dem Theater versuchen möchte. Und wenn es mir gelinge, oben einzusteigen, dann mache ich es. Ganz am Anfang war ich gleichzeitig im Burgtheater und in der Staatsoper engagiert, als erster Priester in der „Zauberflöte“. Also bin ich beim Theater geblieben. Meine Eltern waren sehr musisch. Bei uns zu Hause wurde viel musiziert, Hausmusik. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen.
Wie kamen Sie schließlich zum Theater?
Als Kind vom Land war es nicht so einfach, damit in Berührung zu kommen. Und doch ist es mir gelungen, am Reinhardt-Seminar aufgenommen zu werden. Ich hatte gehört, es wäre ein Ort, wo Prinzen fechten und reiten lernen, das hat meine Prinz-Eisenherz-Fantasie angeregt. Mir war bewusst, dass es nötig ist, von den Besten zu lernen. So war ich danach bei Strehler, Jérôme Savary, Grotowski und anderen Größen. In Grotowskis Theaterlabor in Wroclaw waren Künstler aus der ganzen Welt. Polen war künstlerisch sehr experimentell.
Sie gelten als Paradelinker. Mussten Sie sich gegen Ihre bürgerliche Familie auflehnen?
In Österreich gilt schon als Linker, wer Verteilungsgerechtigkeit fordert. Man muss sich doch auflehnen, bei all den Schweinereien hierzulande. Ich gelte ja als öffentliches Ärgernis, aber in Wirklichkeit bin ich nur wach und lebendig. In der Schule wurden wir nach dem Krieg noch von den Austro- und Nazi-Faschisten erzogen. Es gab keine Entnazifizierung. Zuallererst muss man die Verhältnisse klären, sagte Rudi Dutschke, als man ihn fragte, was er machen würde, wenn er die Macht hätte. Das Soziale, Bildung, Gesundheit müssen absolute Priorität haben, wenn wir weiterkommen und sozialen Frieden haben wollen. Sonst gibt es Krieg – und das ist das Fürchterlichste.
Ein Beispiel fürs Wache und Lebendige?
In der Filmakademie habe ich nicht Retrofaschismus gemacht, wie damals üblich, zum Beispiel der erfolgreichste österreichische Nachkriegsfilm: der „Förster vom Silberwald“. Ich hatte andere Vorstellungen von Film. Meine erste Regiearbeit habe ich über den Tod von Pasolini gemacht, gegen den Widerstand der Professoren. In diesem Filmchen habe ich zwei Männer auf dem Kreuz ihren Geschlechtstrieb ausleben lassen. Es ging ja schließlich um das Leben und den Tod Pasolinis. Das gab eine enorme Aufregung, die Lehrer haben diese Hommage nicht verstanden. Der Film wurde auf 30 Jahre gesperrt. Wegen Staatsgefährdung und Pornografie, wurde mir mitgeteilt.
Gibt es ein Motiv für Ihre Kritik am Klerus?
Wo viel Macht konzentriert ist, gibt es Missstände, Skandale. Ich habe entdeckt, dass das christliche Prinzip in meinem Herzen ist. Da habe ich einen direkten Kontakt zum Göttlichen. Deshalb sind wir ja Gottes Kinder.
Gehen Sie trotzdem gern in die Kirche?
Ja, das sind wunderbare Kraftorte und im Sommer angenehm kühl. Ich bin ein spiritueller Mensch. Was das Theater anbelangt: Die Kirche macht doch das größte Spektakel. So eine Papstwahl etwa – hervorragendes Theater! Wenn ich noch einmal einen Beruf wählen könnte, würde ich die Karriere eines Kardinals anstreben. Prunkvoll, mit Chauffeur und Köchin. Supranational. Das ist Hochkultur. Ich würde Jesuiten-Theater machen. Salzburg wäre für mich ideal. Da würde ich auch gleich die Festspiele leiten und globale Aufregungen inszenieren, gesponsert von der Hochfinanz. Das ist Rock'n'Roll.
Ihr Theater hat sehr schlanke Strukturen. Ist das der Traum eines Neoliberalen?
Ich habe sehr oft 18-Stunden-Tage. Wir können uns jeweils nur ein halbes Jahr abwechselnd einen Angestellten leisten, brauchten eigentlich vier bis sechs. Haben wir nicht. Wir kriegen 175.000 Euro. Da sind die Bundessubventionen inkludiert. Wir machen damit aber richtig große Produktionen mit bis zu 25 Leuten. Als wir das Fritzl-Stück aufführten, hatten wir mehr Publicity als die Salzburger Festspiele. Weltweit haben die Berichte darüber wahrscheinlich hunderte Millionen Menschen gesehen. Wir waren damit bei internationalen Festivals eingeladen. Es ging darum, die strukturelle Gewalt der Boulevard-Berichterstattung sichtbar zu machen. Nach dem Motto: Opfer machen Quote.
An welchen Orten spielen Sie gern?
Als wir „Mein Kampf“ von Tabori im Männerheim in der Meldemannstraße gemacht haben, wo Hitler tatsächlich gelebt hat, erregte das international viel Aufsehen. Solche Orte gehören belebt, nicht abgerissen. Ich habe dem Kulturstadtrat damals vorgeschlagen, dort ein „Museum für Arbeit“ zu machen. Wir sind Geschichte – aus dem Gestern ins Jetzt, für die Zukunft. Wer seine Vergangenheit verleugnet, hat keine Zukunft. Eines möchte ich jetzt noch sagen: Das Verhältnis der Förderung zwischen dem freien und dem etablierten Theater ist im Grunde genommen skandalös. Wir haben 35 Prozent der Zuschauer. Warum haben wir nicht 35 Prozent der Förderungen, sondern höchstens drei Prozent?
1... ob Sie an Adolf Hitler eine Frage hätten, falls Sie ihm im Jenseits begegnen würden?
Gar keine, denn der war krank, ein schwer neurotischer Mensch. Ich wäre nicht einmal interessiert daran, mit H.-C. Strache zu reden. Was der immer wieder für einen Schwachsinn von sich gibt! Erschreckend, wie viele Leute so einem Rattenfänger auf den Leim gehen. Traurig für dieses Land. 2... ob Sie Vorbilder in der Geschichte und Philosophie haben, die Ihr Leben prägen?
Epikur. Seine Maxime: „Tu nur das, was dir guttut!“ Eine Philosophie des Maß-haltens – die goldene Mitte. Laotse und Yin und Yang. Die Schärfe und der Witz Oscar Wildes.3... ob Sie bei einem Auftritt auf der Bühne jemals ein Blackout gehabt haben?
Einmal stand ich mit Elisabeth Orth im Burgtheater auf der Bühne und hätte sagen sollen: „Schöner Ort, früher!“ Da schaute ich sie an und dachte mir dabei völlig verunsichert: „Früher? Die ist doch heute noch schön.“ Und dann hatte ich einen totalen Hänger.
27. Juni 1948
Hubert Kramar wird in Scheibbs (NÖ) geboren. Nach der Matura 1969 rege Reisetätigkeit, dann Reinhardt-Seminar und Filmhochschule in Wien. Schauspieler, Regisseur, Produzent und Aktionist. Bisher 50 Inszenierungen, 30 eigene Theaterstücke und Performances, 40 TV- und Filmrollen. Kramar erhielt u. a. die Kainz-Medaille, den Gründgens- und einen Nestroy-Preis.
Theatertermine
Ab nächster Woche gibt es das Finale im „3raum-anatomietheater“ mit Stücken von Oscar Wilde. „Lady Windermeres Fächer“: 22.–25. 8., 29. 8.–1. 9. und 5.–8.9. „Bunbury“ vom 12.–15., 19.–22. und 26.–29. 9. (20 Uhr). „Maria Montessori ungeschminkt“ 1.10. und 8.–13. 10. „Ausg'schamt“ 4.–6.10. Schließlich das „Grande Finale: Flammende Liebe – neu“ vom 18.–20. 10. (jeweils 19.30 Uhr) www.3raum.or.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)
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