22.05.2013 02:03 Merkliste 0

Romeo Castelluci: Vom pathetischen Paradies ins Gepolter

27.08.2012 | 16:25 |  von Eva Pfister (Die Presse)

Der Theatermacher beschwört an der Ruhrtriennale in „Folk.“ das Wohlbehagen der Urgemeinde mit anschließendem Sündenfall. Dahinter steckt viel theoretischer Bombast, aber das Ergebnis ist eine lammfromme Performance.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Kein Skandal in Duisburg! – Der italienische Theatermacher Romeo Castellucci hat mit seinem letzten Werk, „Über das Konzept des Gesichts, Gottes Sohn betrachtend“, in ganz Europa Proteste von Christen provoziert, die es als Blasphemie empfanden, dass ein Sohn seinem dementen Vater den Hintern abwischt, während im Hintergrund das Antlitz Christi von Antonello da Messina leuchtet, bis es mit Kot beworfen wird. Dass aber Castellucci kein Religionskritiker ist, sondern ein tief katholisch geprägter und auf seine Art gläubiger Künstler, wird in seiner neuen Performance, „Folk.“, überdeutlich, die jetzt an der Ruhrtriennale uraufgeführt wurde.

Die Gebläsehalle des ehemaligen Stahlwerks in Duisburg-Nord mit ihren neoromanischen Rundbogenfenstern erinnert an eine Kathedrale. Vor vier Jahren wurde in diesem Raum Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium uraufgeführt: „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ – tief beeindruckend und zusätzlich beklemmend durch die Anwesenheit des an Krebs erkrankten Künstlers, der mit dem Werk seine Todesangst offenlegte und sie zugleich bekämpfte.

Sakral ist auch die Atmosphäre bei der Aufführung von „Folk.“, das Castellucci im Auftrag der Ruhrtriennale für die Gebläsehalle entwickelt hat. Kein Bühnenbild stört das Raumgefühl, durch drei Fenster dringt Licht, dazu spärliche Beleuchtung von oben, im Zentrum ein Wasserbecken. Ein Darsteller nach dem anderen (neben sechs Schauspielern wirken Dutzende von Statisten mit) steigt in das Becken, wird von einem bereits Geweihten liebevoll empfangen und untergetaucht. Mit einer Umarmung verabschieden sich die beiden, der frisch Getaufte bleibt zurück, ein neuer Taufwilliger steigt ins Wasser. Eine gute halbe Stunde wächst diese neue Gemeinde an, die Zuschauer stehen am Rande, je nach Gemütslage gebannt oder gelangweilt, und lassen sich vom brausenden Sound von Scott Gibbons durchwehen, in dessen esoterischen Klängen gregorianische Choräle auszumachen sind.

Sündenfall und Sintflut beenden die Idylle

Plötzlich Gepolter: An die Fenster springen Menschen, Hilfe suchend, Einlass verlangend. Dann scheinen sie abzustürzen, und plötzlich ist es mit dem Idyll der Urgemeinde vorbei: Einer zückt das Messer und sticht in die Gummihülle, das Wasser läuft aus, die Sintflut folgt direkt dem Sündenfall. Zum Ende versucht ein alter Mann Formen in passende Schablonen zu stecken, das gelingt ihm mit dem Herzen, dem Halbmond, dem Dreieck, aber beim Quadrat scheitert er und bricht weinend zusammen. Das Paradies der Urgemeinde ist verloren.

Wenn Romeo Castellucci über sein Theater spricht, überfrachtet er es mit viel Theorie. Auch bei „Folk.“ ist die Rede vom menschlichen Verhalten in der Masse, von Anziehung und Abstoßung, von der Aufhebung der Trennung zwischen Zuschauern und Darstellern, von Erfahrung statt Aufführung usw. Zu sehen war allerdings eine schlichte, lammfromme Performance voll Pathos, die das Publikum unterschiedlich berührte (die „Ungläubigen“ darunter eher peinlich), jedoch in keinem Moment mit einbezog. Aber möglicherweise wäre ein taufwilliger Zuschauer im Wasserbecken ja willkommen gewesen.
Bis 2. September. www.ruhrtriennale.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web