Vierzig Figuren, über ein Dutzend Darsteller für eine Aufführung von ca. 90 Minuten. Die Premiere zum heurigen Auftakt der Saison im Volkstheater ist luxuriöser als sie aussieht. 2002 wurde Peter Turrinis „Riese vom Steinfeld“ in der Wiener Staatsoper uraufgeführt, auch da wurde nicht gespart: Friedrich Cerha komponierte, Jürgen Flimm inszenierte, Thomas Hampson sang die Titelrolle. Zahlt sich das aus für die schlichte Geschichte? Es zahlt sich aus. „Der Riese“ ist eines von Turrinis besten Stücken: Der schräge Humor, die Empathie des Autors für seinen Helden, das schrill-geheimnisvolle Ambiente. Frei von platten politischen Botschaften hat das Werk eine gewisse reiche Leichtigkeit und satirische Spitze. Der Riese, der wirklich gelebt hat, wird von einem ausbeuterischen Impresario von Auftritt zu Auftritt geschleppt, bis er mit 27 Jahren an Lungenentzündung stirbt.
Fabulieren statt Realismus. Im Programmheft zur Volkstheater-Aufführung, die Freitag Premiere hatte, kritisiert Turrinis Partnerin Silke Hassler das Vorurteil, dass Turrini als realistischer Autor gelte. In der Tat, hier ist er wenig realistisch bzw. wirkt der Realismus fabulös gebrochen. Stephanie Mohr hat inszeniert, Miriam Busch ein Prater-Panoptikum auf die Bühne gestellt – und Kyrre Kvam herrlich perfide Volksmusik geschrieben, die von der Chorvereinigung Wien-Neubau aus einer Loge von oben herab dargeboten wird. Kvam ist auch „Der Andere“, der singt, was der Riese so gern täte, in einem Knabenchor, leider ist er völlig talentfrei und zu groß. Roman Schmelzer ist ein wahrhaft entzückender Riese. Schlaksig, freundlich, naiv, verträumt stakt er auf seinen schauerlichen Plateausohlen, die wie ein Symbol seiner geknebelten Sehnsüchte wirken, durch eine grausame Welt. Seiner Mama (Claudia Sabitzer) will er eine Wiese kaufen, sie lässt ihr „Hänschen groß“ nicht ungern ziehen, weil sie hofft, dass es ihm bald besser geht als ihr in dem kleinen Dorf mit allen den missgünstigen Leuten, die ihr das Märchen vom tollen Prinzenvater des Riesen nicht glauben wollen.
New York als Karotte vor der Nase. Der ganz gemeine Herr mit dem sprechenden Namen Klammerschneider (Ronald Kuste) entführt den Riesen mit dem Versprechen, ihm die New Yorker Freiheitsstatue zu zeigen, die noch viel größer ist als er selbst, und damit ein Trost in seinem Außenseiterdasein. Doch die beiden kommen nie an. Sie tingeln durch die Provinz, reisen immerhin nach London, Paris, Berlin, wo der Riese die gekrönten Häupter Europas trifft. Aber Amerika ist weit und Kafkaeskes ist auch diesseits des Großen Teiches reichlich zu erleben. Königin Victoria (Sabitzer) thront auf einem monumentalen Krinolinen-Turm und vergewaltigt den Riesen, der überhaupt ständigen erotischen Attacken ausgesetzt ist. Wilhelm II. wird von Pickelhauben-Trägern begleitet, die Wagner parodieren. Der Erfinder des Water Closets entpuppt sich als Erfinderin und macht sich an den Riesen heran.
Doch mit diesem geht es bergab. Er hustet zum Gotterbarmen. Gerade noch kann er seine geliebte kleine Frau, ChrisTine (sic!) Urspruch, in die Arme schließen, dann schleppt er sich heim zu Muttern, ein ins Kraut geschossener Peer Gynt, der weder Wiese noch Solveig vorfindet. Der Totengräber und der Sargtischler erweisen ihm shakespearemäßig die letzte Ehre, sie ärgern sich, weil des Riesen lange Beine nicht in die Kiste passen. Das Schlusswort hat der Musikclown (Erwin Ebenbauer), der mehr säuft und redet als komponiert und ein unsichtbares Orchester dirigiert. Das Publikum applaudierte, eine Dame schrie laut „Buh“...
Jahrmarkt-Welttheater. Turrini arbeitet hier mit historischen Formen, stellt Schelmenroman, Heldenepos, Märchen auf den Kopf. Horváth spielt eine Rolle, Nestroy, auch simple Formen des Volkstheaters. Eklektizismus ist heute groß in Mode. Turrini montiert, jongliert, da ist Kitsch zum Heulen, aber auch Stoff für echte Tränen, Schwarz-Weiß-Malerei mit dem großen Pinsel, die alte Jahrmarkt-Welttheater-Wunderwelt. Stephanie Mohr hat sich in die krassen, skurrilen, emotionsgeladenen Fantasien gut eingelebt, das Drama farbenreich, unsentimental und konsequent durchkomponiert. Dass einige Schauspieler bestenfalls mittelgut sind, fällt kaum auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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