Zwei Männer auf einer Zugreise. Der eine erzählt dem anderen eine schockierende Geschichte: Er hat seine Ehefrau erdolcht. Tolstoi war über 60, als „Die Kreutzersonate“ erschien, ein Skandal, ein Schlüsselroman. Tolstois Gattin veröffentlichte eine Gegendarstellung in Romanform, die erst 2008 auf Deutsch erschien. Typisch Männerwelt.
Das Problem der „Kreutzersonate“ hat trotzdem nichts mit Feminismus zu tun. In Tolstois Buch wird zwar viel Richtiges über die Schwierigkeiten des Liebes- und Ehelebens gesagt, es wirkt aber ziemlich von gestern mit seinen Tiraden über die Dämonie des Weibes und die Sklaverei des Familienlebens. Allein die Sorge um die Kinder, hier sind es fünf, stellt sich heute völlig anders dar als zu Tolstois Zeiten, als Fieber und Husten tödlich sein konnten. Boshaft möchte man hinzufügen, ein alter Mann im religiösen Wahn ereifert sich über das Teuflische an der Sexualität? Das ist lächerlich.
Der Schauspieler und Regisseur Nikolaus Büchel hat trotzdem einen Gutteil des 124-Seiten-Buches, dem Tolstoi ein rechthaberisches Nachwort hinterherschickte, auswendig gelernt. Er deklamiert tadellos, er zieht Hose und Hemd an und aus, malt sich einen Busen auf den nackten Körper und begießt sich mit Blut aus einer Teekanne. Jürgen Messensee lieferte ein Kunstwerk als Bühnenbild, ein Kleid und eine an Picasso erinnernde Illustration – was durchaus passt.
Paul Gulda lieferte die Klaviereinspielung, eine schöne Geigerin (Antonia Rankersberger) schwebt immer wieder über die Bühne. Trotzdem werden einem die zwei Stunden sehr lang mit diesem krausen Monolog. Erst ganz am Schluss, als sich im wohlhabenden Gutsbesitzer der Frauenmörder aus dem Bezirksgericht offenbart, der erst angesichts der wächsernen Leiche seiner Frau erkennt, was er getan hat und in Selbstmitleid badet, gibt es einige spannungsreiche Minuten. bp
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)
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