"Der Freischütz": Es gilt die Unschuldsvermutung

Die Inszenierung von Anna Bergmann hat mit Handlung und Musik der Oper Carl Maria von Webers nichts zu tun. Das Ensemble spielt munter mit.

Freischuetz Klagenfurt gilt Unschuldsvermutung
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Freischuetz Klagenfurt gilt Unschuldsvermutung
(c) APA/ARNOLD P�SCHL (ARNOLD P�SCHL)

Das Problem, das sage ich seit Jahren, ist, dass die Psychoanalyse erfunden wurde. Seither gibt es Menschen, die alles erklären können. Und was sollen nun, ich bitte Sie, deren Stellvertreter in der Theaterwelt, die Regisseure, zum Beispiel mit der Metaphysik anfangen? Oder mit der Angst? Mit der sprichwörtlichen Angst im dunklen Wald, von der noch Richard Wagner seinen Mime im „Siegfried“ fabulieren lässt?

Wenn in Klagenfurt zum Auftakt der neuen Intendanz der „Freischütz“ gespielt wird, gilt daher die Unschuldsvermutung. Webers Werk steht auf dem Plakat. Zu sehen ist eine – zumindest bis zur Pause exzellent gemachte – Theaterproduktion von Anna Bergmann, die uns die brutalen Verhältnisse in einem Dorf in der amerikanischen Provinz vor Augen führt. Ein Leben unter schießwütigen Drogenkonsumenten, die ihre klaustrophobischen Anwandlungen hinter Bigotterie verschanzen, aber hie und da auch in satanistischen Blutorgien aus sich herausschreien.

Das Ensemble spielt munter mit, kann natürlich nichts dafür, dass der Regisseurin für die beiden Bilder nach der Pause nichts Entsprechendes mehr eingefallen ist. Der „Jägerchor“ der Transvestiten und die folgende, recht hilflos gestellte Schlussszene, in der sich der Dorftrottel in den weisen Eremiten verwandelt – die zumindest vorabendprogrammtauglichen Krimirätsel, die vor der Pause gestellt werden, werden so wenig gelöst wie die Fragen, die sich aus der Diskrepanz zwischen dem Operntext und dem Bühnenspiel ergeben.

Ännchen besingt ihre Schüchternheit angesichts schlanker, junger Burschen – und führt gleichzeitig ihr uneheliches Baby im Kinderwagen spazieren. Im Kontext des Stückes, das gezeigt wird, ergibt das seinen Sinn. Mit Handlung und Musik des „Freischütz“ hat es nichts zu tun. Was immer die Figuren in Webers Oper bewegen, erschüttern, irritieren mag, es wird von der Klagenfurter Produktion desavouiert.

 

Musiker, Sänger: Höchstleistungen

Dafür sprechen die Töne ihre Sprache, intensiv und anrührend. Das hat mit dem Engagement des künftigen Klagenfurter Chefdirigenten, Alexander Soddy, zu tun, der Orchester und Chor an ihre Grenzen – und darüber hinaus führt: Er will Webers Musik in all ihrer romantischen Eindringlichkeit, in ihrer hier flüsternden, da tosenden Ausdrucksmacht zum Klingen bringen. Das spornt Musiker und Sänger zu Höchstleistungen an.

Das junge Sängerensemble, das die theatralischen Anforderungen so gelenkig bewältigt, kann auch vor den heiklen Aufgaben von Webers Musik bestehen. Gesungen wird entweder mit Bedacht auf die Entfaltung der großen Melodiebögen (die Agathe Celine Byrnes und der Max Stephan Rügamers), oder beeindruckend expressionistisch, geradezu brachial in der Textausdeutung (der Kaspar Martin Winklers), dann wieder mit springlebendiger Soubrettenagilität (Eva Liebaus Ännchen).

Also? Klagenfurt kann den „Freischütz“ aufführen und tut es zumindest musikalisch auch wirklich. Das ist für den Aufbruch in eine neue Ära schon recht viel. Glück auf.

Bis 6.November, Info: www.stadttheater-klagenfurt.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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