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Die Schmerzhafte Horváth-Verzerrung

23.09.2012 | 18:12 |  von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Theater in der Filmstadt: "Kasimir und Karoline" als penetrant bebilderte Oktoberfestshow: Verunglückt, trotz eines überwiegend professionellen Ensembles.

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Das Stück zur Wirtschaftskrise, gleich mehrere Bühnen zeigen heuer Horváths „Kasimir und Karoline“. Allerdings, das Werk wird immer gern gespielt. Christoph Marthaler hat es mit Josef Bierbichler exemplarisch inszeniert. Im Volkstheater war es zu sehen, und bei den Sommerspielen in Perchtoldsdorf. 1931/32 begann Horváth mit der Arbeit. Es gibt mehrere Fassungen, jeden Satz scheint der Dichter in seinen Dramen zehnmal umgedreht zu haben, damit der typische lakonisch-melancholische Ton sitzt. Horváth wollte nach Hollywood, dort wäre er mit seiner Denkweise bestens angekommen. In Hollywood weiß man seit jeher, dass perfekte Dialoge, präzis im Ton, in der Diktion, im Dialekt, mit Natur, Realität wenig zu tun haben.

Der Oberösterreicher Ulf Dückelmann und sein Komponist Hans Christian Merten transferieren in der Filmstadt Wien am Rosenhügel „Kasimir und Karoline“ in die Gegenwart, was prinzipiell ein mutiger und richtiger Ansatz ist. Horváths Kunstdialoge und die Kunstvolksmusik von Hard-Chor ergänzen einander perfekt. Auch einige Schauspieler überzeugen: vor allem Susanna Bihari als naiv-kokette Karoline, die sich einfach nur amüsieren will und genug von ihrem misanthropischen Bruder Simpel Kasimir (Anton Noori) hat, der ihr mit seinen Grübeleien wohl schon auf die Nerven gegangen ist, bevor er seinen Job verloren hat.

 

Kokain und Sex auf der Toilette

Drei Stunden dauert die Aufführung in der Halle – und hier hat sich allerhand eingeschlichen, was bei diesem Stück pseudo-modern und wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge wirkt. Kommerzienrat Rauch und Landgerichtsdirektor Speer, im Original die Geldsäcke, sind hier zwei Konzernherren, die einander die Weltherrschaft streitig machen wollen. Als der eine nach einer Rauferei darniederliegt, plant der andere sofort ein Hostile Take-over. Das klingt originell, aber die zwei Herren schauen überhaupt nicht nach Upper-Economy aus, ebenso wenig wie Horváths Zuschneider Schürzinger sich zur Verwandlung in einen Physiker eignet, der an der Entwicklung eines Hybridzeppelins bastelt. Jens Classen als Rauch bleckt bei jeder Gelegenheit die Zähne wie ein furchterregender Krimibösewicht. Karl Wenninger als Schürzinger schlägt sich tapfer mit Binsenweisheiten durchs Leben – und Günter Giselher Krenner als Speer sieht aus wie ein bayerischer Oberstudienrat.

Letzterer lässt sich auf der Toilette von zwei Mädels einen blasen, keine Angst, man sieht es nur im Video, das an diesem Abend stark strapaziert wird. Ebenfalls im Video ziehen sich Rauch, Schürzinger und Karoline eine Kokainstrecke rein. Karoline wird hernach von Rauch im Kabriolett von hinten genommen. Alle diese drastischen Demonstrationen jener Realität, an der Horváths Liebespaar scheitert, sind ordinär, aber das ist nicht das Schlimmste. Am Theater sieht man ja heutzutage alles – und hat schon alles gesehen. Das Original wird einfach unter dem Motto Aktualisierung dreist zur Show verfremdet, wie man sie täglich im Fernsehen sieht. Da besteht eigentlich kein dringlicher Grund mehr, ins Theater zu gehen. „O'zapft is!“: Die Oktoberfest-Atmosphäre ist in jedem Augenblick präsent, nicht nur, weil am Buffet Weißwürste mit Händlmeier-Senf serviert werden, sondern auch, weil die Aufführung flächendeckend von „Wies'n-TV“ durch- und umspült wird, mit einer Talkshow samt fescher, blonder Moderatorin im Dirndl (Sissi Noé) und zwei „Wies'n-Originalen“ (Karl Hofer, Johann Ruspeckhofer), die diese typischen Witze erzählen, über die nur gelacht wird, weil es alle tun und alle schon überreichlich Bier intus haben. Dückelmann hat auch sonst allerlei hineingepackt in die Performance: Streit über Schönheitsoperationen, Ausländerthema, Prekariat.

Dass man dem Impuls zu flüchten widersteht, liegt an intimen Szenen zwischendurch, in denen sich das Stück durchaus authentisch ereignet: etwa bei der Annäherung von Kasimir und Erna (Maria Knierzinger), deren Freund, „Merkl Franz“, bei krummen Geschäften auf dem Parkplatz ertappt und erschossen wird. Bei der Premiere am Freitag war die schon zuvor nicht volle Halle nach der Pause halb leer. Dieses Theaterabenteuer – Horváth aus dem Guckkasten zu befreien – hat nicht wirklich funktioniert.

Auf einen Blick

Unter dem Eindruck des Börsenkrachs 1929 schrieb der Diplomatensohn Ödön von Horváth (1901–1938) sein Volksstück in sieben Bildern, „Kasimir und Karoline“, heuer zu sehen in der Josefstadt mit Katharina Straßer, Harald Windisch (z.B. am 27.9., 4., 8.10.), im Theater Scala (ab 29.9.) und in den Rosenhügel-Studios (noch von 27. bis 29.9.). Foto: www.spotcatch.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)

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2 Kommentare
Gast: Nonabbo
25.09.2012 16:50
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schmerzfrei

Wenngleich nicht amüsiert in dem Sinn, der Viele zum „Theatergehen“ motiviert, habe ich mich im Theater seit Langem nicht gelangweilt. Ich bin aber auch kein Abbo-Theater-Profi und hab das Ganze ohne vorgegebene Parameter gesehen. Ob Horvath aus dem Guckkasten befreit wurde, spielt glaub ich keine große Rolle, interessant fand ich die Befreiung der Nebenschauplätze, die die Hauptdarsteller zugelassen haben. Die Filmischen Sequenzen waren häufig, aber immer durch einen Zusammenhang motiviert (Wies’n-TV, Nebenraumansicht,...) – so wie ich es verstanden habe: Zuviel von Allem, immer schön oberflächlich dabei und immer wichtig, drastisch und auf mehreren Ebenen veranschaulicht - hat mich darüber nachdenken lassen wo ich Teil des Ganzen bin, der Chor war mein Freund und hat mich zwischendurch zum Reflektieren auf seine Seite eingeladen.

Gast: presser_1
24.09.2012 14:32
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Am Theater sieht man ja heutzutage alles – und hat schon alles gesehen. Das Original wird einfach unter dem Motto Aktualisierung dreist zur Show verfremdet, wie man sie täglich im Fernsehen sieht. Da besteht eigentlich kein dringlicher Grund mehr, ins Theater zu gehen.

Ich fand das Konzept mutig und sehr gut umgesetzt. Und gerade im Zusammenspiel zwischen Live-Videos (das öffentliche zur Schau stellen der intimen Probleme), Videos, dem Chor, dem klassischem Sprechtheater und der authentisch zelebrierten Wiesn- Stimmung, in die man in der Halle eingebunden wurde, liegt der Vorteil im Theater. Ein Gesamtkunstwerk - oder Performance, wenn man so will - das es im Film nicht geben kann! Tolle Vorstellung!