Mit einem exquisiten postdramatischen Vorspiel auf dem Theater und einem raren modernen Klassiker begann am Samstag im Landestheater Niederösterreich die erste Saison für die neue Intendantin Bettina Hering. Der deutsche Schauspielstar Martin Wuttke, der dem Haus in Sankt Pölten schon unter der vorigen Intendantin Isabella Suppanz verbunden war, machte der neuen Chefin seine Aufwartung, indem er einen bezaubernden Monolog darbot. Wuttke trat vor den roten Vorhang, stellte einen hässlichen Metallkübel an die Rampe, rauchte, räsonierte, inspiriert von Denkern wie Robert Pfaller und René Pollesch: über die Beleuchtung, Gefahren, Laster, Genuss. Dann spielte er angeblich Persönliches, jonglierte verbal mit der Liebe sowie der mit ihr verwandten Verachtung, um schließlich nach gut 20 Minuten bestem Solo „Schluss mit der Komödie!“ zu rufen und Hering Glück fürs Kommende zu wünschen. Was für ein reflexiver Start!
Hering aber machte sich ihren Einstieg mit dem anschließenden Hauptstück nicht leicht (sie wirkte dabei als Dramaturgin mit). Daniela Kranz inszenierte das Stück „Wir sind noch einmal davongekommen“, das der US-Dichter Thornton Wilder noch während des Zweiten Weltkriegs geschrieben hatte. Dieses Weltuntergangsdrama, das an die späte Prosa von James Joyce erinnert und gewitzt die vierte Wand durchbricht, wurde ein Hit. Inzwischen hat es allerdings trotz der damaligen Modernität etwas Patina angesetzt und wird recht selten gebracht.
Ein riesiges weißes Hamsterrad
Wie wird 70Jahre danach im Stadttheater der Kleinstadt St. Pölten damit umgegangen? Kühl, dramaturgisch straff und recht einfallsreich, wie es diesem zwischen tiefem Sinnieren und platter Absurdität changierenden Text gebührt, allerdings auch zu brav und ohne viel Risiko, die Differenz zwischen dieser Endzeitstimmung von damals und ihrer Relevanz für heute auszuloten. Geboten wurde eine leichte Commedia dell'Arte, die das Ensemble lustvoll mit bunten Bildern in Szene setzte. Der Untergang als Ulk – den hätte Wuttke wohl abgründiger dargeboten.
Wie ein riesiges Hamsterrad dominiert eine starre Trommel aus perforiertem weißen Material die Bühne (Bettina Kraus), auf der Hinterseite dreht sich per Video eine Erdkugel. Der Ansager (Tobias Voigt) eilt aus dem Parkett auf die Bühne und erklärt dem Publikum, was es hier sieht, nämlich die Wohnung der Familie Antrobus, die nun im Video eingeblendet wird. Lauter adrette Amerikaner? Nein, die Leute im ersten Akt sind aus der Steinzeit. Der alte Adam, Mr. Antrobus (Michael Scherff), hat eben das Alphabet, die Zahlen und sogar das Rad erfunden, aber das ist unwesentlich, wie seine resolute Eva (Babett Arens) weiß, denn heute geht es ums nackte Überleben. Vom Dienstmädchen Sabina (Franziska Hackl) wird die Story in einem prächtigen Monolog erzählt. Es drohen das Erfrieren und Verhungern, eine riesige Eiswand wälzt sich auf den Ort zu. In den zwei Akten danach werden weitere Apokalypsen thematisiert, die die Menschheit auszulöschen drohen: die große Flut und der Krieg. Wilder stellt also das komplette Weltzeitalter dar – geologisch, biblisch und modern. Der Effekt nutzt sich ab. So scharfsinnig wie die Urzeitszenen ist das Folgende nicht mehr. Vor allem der kopflastige Mittelteil mit seinen Anspielungen auf Philosophen und die Religion wirkt aufgesetzt.
Das Ensemble versucht, das Beste aus dieser Strukturschwäche zu machen. Kunstvoll, künstlich geben Scherff und Arens das Echte und das Falsche einer heilen und zerrütteten Familie, assistiert von Pascal Groß als Sohn und Psychopath Kain alias Henry, von Marion Reiser als unverblümt trotziger Tochter Gladys. Herausragend aber sind die Auftritte von Franziska Hackl. Hier reift eine große Schauspielerin und Komödiantin heran. Ihr Spiel mit dem Publikum, das sie mit Beiseitesprechen direkt konfrontiert, bezaubert, fast übermütig fällt sie aus der Rolle, wenn sie den Unsinn des Textes anprangert.
Beherzt wird sogar schlecht gespielt
Wilders frühe postdramatische Anwandlungen werden hier von der Regie auch liebevoll für die kleineren Rollen zelebriert. Das Stück spielt vor, dass sieben Schauspieler ausgefallen seien und deshalb das übrige Personal des Hauses dieses angeblich sinnlose Stück fertigbringen werde. Das Ensemble führt beherzt vor, wie man schlecht spielt. Die Publikumslieblinge machen das so engagiert, dass man auf jeden Fall von einem hoffnungsvollen Start in die neue Saison sprechen sollte. Um Haaresbreite entgehen die Helden bei Wilder größten Katastrophen. So eng wird es in Sankt Pölten nicht. In Herings Haus steckt noch viel Potenzial.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)
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