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Die Leiden des stummen Maestro Giacomo Puccini

07.10.2012 | 18:15 |  HARALD HASLMAYR (Die Presse)

Zum Saisonauftakt dekonstruiert Regisseur Stefan Herheim Puccinis Klassiker "Manon Lescaut". Aus der glühend-verzweifelten Liebesgeschichte wird eine skurril dahinplätschernde Ménage-à-quatre.

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Zum dritten Mal gab man in Graz dem jungen norwegischen Regisseur Stefan Herheim die Chance, seine überbordende Fantasie mit einem Klassiker des Opernrepertoires zu konfrontieren. Handwerklich sind spürbare Fortschritte zu konstatieren, so beeindruckt die Führung des Chores, die Lichteffekte sitzen, auch die szenischen Übergänge überzeugen, man könnte sich Herheim als herausragend innovativen Ballettchoreografen vorstellen! Auf der Opernbühne erzählt er allerdings nicht einmal in Ansätzen die von Puccini komponierte Geschichte, sondern erweitert die Handlung um zwei Protagonisten: um die das gesamte Bühnenbild sowie die Handlung penetrant dominierende Freiheitsstatue (offenbar eine fetischistische Wunschprojektion von Des Grieux) und die stumme Figur von Puccini selbst. Diese erinnert zunächst an eine Mischung aus Peppone und Götz George, entpuppt sich aber spätestens im großen Liebesduett als stummer Kapellmeister, der auf der Bühne den Takt schlägt und seinen beiden Protagonisten souffliert.

Aus der glühend-verzweifelten Liebesgeschichte wird eine skurril dahinplätschernde Ménage-à-quatre, Des Grieux hat's mit der Statue, Manon mit dem stummen Puccini. Alles geht so gleichmäßig dahin wie das leise Surren eines Föhns, keine Höhepunkte, keine Steigerungen, reinste Fadesse. Unfreiwillig komisch v. a. die Einschiffung der verurteilten Frauen, die wirkte wie ein verhatschter Catwalk in „Styria's Next Top Model“, bitter die gellende Lachsalve des Chores mitten in den orchestralen Aufschwung, die das Flehen des Des Grieux um Mitnahme nach Amerika so grandios intensiviert. Die verzweifelte Einsicht, keine Liebesgeschichte mehr überzeugend gestalten zu können, treibt das „moderne Regietheater“ einmal mehr dazu, auch jene Geschichten zu zerstören, die einst wunderbar funktionierten. Aus einem emphatisch erzählenden Film wurde eine eiskalt-distanziert servierte Powerpoint-Präsentation zusammenhangloser Einzelbilder – der digitale Zeitgeist, le voilà!

 

Glutvolles Orchester, wohllautende Manon

Warum der Abend musikalisch mit dem Vorspiel zum dritten Akt begann, ist nicht einmal aus dem Programmheft zu rekonstruieren. Schade, denn Michael Boder führt das Grazer Philharmonische Orchester zu einer glutvollen, differenzierten, klangfarbenreichen, weite Bögen nicht scheuenden Puccini-Interpretation, ohne sich politisch korrekt vor der narkotisch-lasziven Süße dieser Musik zu drücken. Der Chor schien oft völlig verunsichert, was auf das Konto einer schlampigen Einstudierung gehen dürfte. Gal James als Manon wirkte anfangs durch das Korsett ihrer barocken Gestik eingeschnürt, gelangte jedoch im Lauf des Abends zu einer Rollengestaltung, deren wohllautgesättigtes vokales Profil keine Wünsche offenließ. Ebenso vermochte sich Gaston Rivero als zunächst kehlig-verhalten wirkender Des Grieux erst nach der Pause freizusingen, dann jedoch mit beachtlichen Resultaten, tadellos Javier Franco (Lescaut) und Wilfried Zelinka (Geronte). Für das Ensemble wäre ein italienischer Sprachcoach zu empfehlen, auch rhythmisch wäre in den Parlando-Passagen noch viel zu arbeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

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10 Kommentare

kritiker sollten erst zur 2. vorstellung eingeladen werden,


Antworten Gast: Musica
09.10.2012 07:43
0 0

Re: kritiker sollten erst zur 2. vorstellung eingeladen werden,

, weil

bitte begründen

Gast: Opernfan
08.10.2012 11:05
0 0

Unverständliche Kritik

Also, ich war in der Premiere, bin auch kein Freund des Regietheaters, aber die Kritik ist vollkommen unverständlich. Ich habe eine ziemlich gute musikalische Ausbildung und bin international als professioneller Musiker engagiert. Der Chor hat absolut tadellos agiert, Gaston Riveiro sang von Anfang an wunderbar und ebenso die parlando Passagen rhythmisch korrekt. Über italienische Aussprache kann man vielleicht sprechen, doch ist in einem professionellen Opernhaus immer ein Sprachcoach vorhanden. Was auch noch anzumerken wäre ist, dass das Grazer Publikum standing ovations beim Erscheinen des Produktionsteams begonnen hat. Und auch ich habe mich hier eingereiht. Eine absolut bildgewaltige und mitreißende Inszenierung.

Gast: schuppanzigh
08.10.2012 09:11
1 0

Kein neuer Einfall

Schon in seiner Volksopern-Butterfly ließ Herheim Puccini als stumme Figur auftreten. Dass er sich nun bei Manon Lescaut wiederholt, ist dem Kritiker leider keine Erwähnung wert.

Gast: Manuel Simmer
07.10.2012 20:50
0 2

Lustig

Die Kritik ist ja schon fast wieder lustig, wenn der Schreiber einer Provinzzeitung meint, einem der vielleicht wichtigsten und auf jeden Fall spannendsten Regisseure der gegenwart "handwerkliche Zugewinne" attestieren zu müssen. Selten so gelacht - dafür ist er da, der Presse-Kulturteil, danke!

Antworten Gast: Verismo stellt Anspruch an die Wahrheit
08.10.2012 08:42
4 0

einem der vielleicht wichtigsten und auf jeden Fall spannendsten Regisseure der gegenwart

der offensichtlich die Anweisungen des Librettos bewußt umgeht und das Werk sichtlich nicht inhaltskonform auf die Bühne bringen kann ist eine Lachnummer. Oder aber auch ein Ärgernis. Sie haben die Wahl!

Gast: Ein:Stein
07.10.2012 20:41
0 2

Wenn schon, denn schon!

Wenn schon gemäkelt wird, dass das INTERMEZZO an den Anfang, also vor den ersten Akt gestellt wird, dann sollte man doch wenigstens soviel Hintergrundwissen besitzen, dass es sich nicht um ein Vorspiel zum dritten Akt, sondern laut Puccini um ein Zwischenspiel zwischen dem dritten und vierten Akt handelt... die Entscheidung das Ganze an den Anfang zu stellen ist ebenso mit künstlerischer Freiheit zu begründen wie die Tatsache, dass das Intermezzo oft komplett gestrichen wird... Soweit ists wohl doch nicht her mit der Werkkenntnis... oder war mal wieder das böse Regietheater schuld? Entgegen Ihrer Meinung gehts hier um Musiktheater auf höchstem Niveau, selten erlebt man leere Handlung so lebhaft! Bravo! Reingehn!

bei tebaldi-tucker, stella-di stefano, freni - dvorsky

etc brauchte man diese hirngespinste eines regisseurs nicht!

auch eine puccini marionette gabs nicht ABER es wurde herrlich gesungen!

vorbei - leider - diese gesangszeiten!

heute produziert sich so einer mit seiner plunderkiste.....und wird auch noch bezahlt.

Re: bei tebaldi-tucker, stella-di stefano, freni - dvorsky

und was ist mit Björling/Albanese ... auch Bergonzi als Roberto sehr gut (Met Aufnahme)

Antworten Gast: impresario
08.10.2012 08:39
3 0

Die künstlerische Freiheit gilt für den Komponisten, aber nicht für die impotenten Leichenfledderer, die sich Regisseure nennen und deren Werke willkürlich entstellen.