Zum dritten Mal gab man in Graz dem jungen norwegischen Regisseur Stefan Herheim die Chance, seine überbordende Fantasie mit einem Klassiker des Opernrepertoires zu konfrontieren. Handwerklich sind spürbare Fortschritte zu konstatieren, so beeindruckt die Führung des Chores, die Lichteffekte sitzen, auch die szenischen Übergänge überzeugen, man könnte sich Herheim als herausragend innovativen Ballettchoreografen vorstellen! Auf der Opernbühne erzählt er allerdings nicht einmal in Ansätzen die von Puccini komponierte Geschichte, sondern erweitert die Handlung um zwei Protagonisten: um die das gesamte Bühnenbild sowie die Handlung penetrant dominierende Freiheitsstatue (offenbar eine fetischistische Wunschprojektion von Des Grieux) und die stumme Figur von Puccini selbst. Diese erinnert zunächst an eine Mischung aus Peppone und Götz George, entpuppt sich aber spätestens im großen Liebesduett als stummer Kapellmeister, der auf der Bühne den Takt schlägt und seinen beiden Protagonisten souffliert.
Aus der glühend-verzweifelten Liebesgeschichte wird eine skurril dahinplätschernde Ménage-à-quatre, Des Grieux hat's mit der Statue, Manon mit dem stummen Puccini. Alles geht so gleichmäßig dahin wie das leise Surren eines Föhns, keine Höhepunkte, keine Steigerungen, reinste Fadesse. Unfreiwillig komisch v. a. die Einschiffung der verurteilten Frauen, die wirkte wie ein verhatschter Catwalk in „Styria's Next Top Model“, bitter die gellende Lachsalve des Chores mitten in den orchestralen Aufschwung, die das Flehen des Des Grieux um Mitnahme nach Amerika so grandios intensiviert. Die verzweifelte Einsicht, keine Liebesgeschichte mehr überzeugend gestalten zu können, treibt das „moderne Regietheater“ einmal mehr dazu, auch jene Geschichten zu zerstören, die einst wunderbar funktionierten. Aus einem emphatisch erzählenden Film wurde eine eiskalt-distanziert servierte Powerpoint-Präsentation zusammenhangloser Einzelbilder – der digitale Zeitgeist, le voilà!
Glutvolles Orchester, wohllautende Manon
Warum der Abend musikalisch mit dem Vorspiel zum dritten Akt begann, ist nicht einmal aus dem Programmheft zu rekonstruieren. Schade, denn Michael Boder führt das Grazer Philharmonische Orchester zu einer glutvollen, differenzierten, klangfarbenreichen, weite Bögen nicht scheuenden Puccini-Interpretation, ohne sich politisch korrekt vor der narkotisch-lasziven Süße dieser Musik zu drücken. Der Chor schien oft völlig verunsichert, was auf das Konto einer schlampigen Einstudierung gehen dürfte. Gal James als Manon wirkte anfangs durch das Korsett ihrer barocken Gestik eingeschnürt, gelangte jedoch im Lauf des Abends zu einer Rollengestaltung, deren wohllautgesättigtes vokales Profil keine Wünsche offenließ. Ebenso vermochte sich Gaston Rivero als zunächst kehlig-verhalten wirkender Des Grieux erst nach der Pause freizusingen, dann jedoch mit beachtlichen Resultaten, tadellos Javier Franco (Lescaut) und Wilfried Zelinka (Geronte). Für das Ensemble wäre ein italienischer Sprachcoach zu empfehlen, auch rhythmisch wäre in den Parlando-Passagen noch viel zu arbeiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)
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