Wie funktioniert das Gehirn? Was ist Erinnerung? Solche Fragen beschäftigen Florian. Doch ständig wird er beim Denken und Lesen gestört. Ein Vogel landet auf seinem Kopf. Die wilde Katja will mit Florian „gehen“. Sie erklärt ihm ihre Liebe und küsst ihn gar aufs Ohr, worauf der flotte Dolf mit dem Skateboard, der ebenfalls auf Katja steht, Florian terrorisiert. Daheim streiten Florians Eltern über die Verbesserung der Welt, ihren Sohn nehmen sie nicht ernst. Und dann taucht auch noch Petrus Raaphorst auf, der seltsame Ideen hat: Er möchte mit einer Gabel die Haustür aufsperren, dann packt er die Koffer und will mit seiner toten Frau auf Weltreise gehen . . .
Der Niederländer Guus Kuijer (70), der die kleine Poetin Polleke erfand, die sich nach „herzensgütigen“ Verhältnissen sehnt, erhielt heuer den Astrid-Lindgren-Preis, den „Nobelpreis“ für Kinderliteratur. In „Ein himmlischer Platz“ verbindet Kuijer, der früher Lehrer war, sehr unterschiedliche Erscheinungen, die Verwirrung im Gehirn verursachen: Pubertät und Alzheimer. Thomas Birkmeir schrieb die szenische Fassung des Romans und inszenierte sie im Renaissancetheater, geradlinig, minimalistisch, ergreifend und mit einem guten Ensemble. Vor allem Felicitas Franz als burschikose Katja erregt Heiterkeit, wenn sie dem verträumten Florian (Stefan Rosenthal) – mit oranger Clown-Perücke und Streifenpulli – allerlei Liebesangebote unterbreitet und ihn sogar gegen den gemeinen Dolf (Julian Schneider) verteidigt. Das Mädchen hat die Hosen an.
Humane, aber irreale Botschaft
Horst Eder gibt den verwirrten alten Mann, der übrigens im Original eine Frau ist. Eder balanciert den Senior klug aus zwischen Wunderlichkeit und Krankheit; man sieht einen sturen Individualisten, der die Welt vergisst, weil sie ihn vergessen hat. Christian Graf als Luftgeist Ariel ist Florians Mentor und innere Stimme. Die beste Pädagogik ist wohl jene, die „Lerninhalte“ in Geschichten verpackt. Ob die Freundschaft zwischen Jungen und Alten im Krisenfall so innig wäre, wie hier dargestellt, ist zwar fraglich, aber die Perspektive muntert immerhin auf. Besonders schön ist das Bühnenbild von Andreas Lungenschmied, in dessen raschen, fast flimmernden Bildwechseln man flüchtig-flutende Gehirnströme erkennen mag.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)
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