In Ben Beckers privatem Telefonbuch stehen Schlagerikone Vicky Leandros und Rammstein-Sänger Till Lindemann friedlich nebeneinander. Nach unheiliger Allianz klangen auch Ben Beckers Lieder. Komponiert wurden sie von seinem langjährigen muskalischen Begleiter Yoyo Röhm.
Die plumpen Texte waren aber größtenteils von Becker. Genremäßig begab sich die Band frohgemut ins Schlammloch des deutschen Pathosrock, aufgezuckert mit Schlager- und Chansonwürze. Becker, der den Rabauken à la Kinski gerne auch abseits der Bühne darstellt, fuchtelte schon zu Beginn des Abends mit seinem obligatorischen Totenkopf-Fingerschmuck, als wäre es der Iffland-Ring. Das Schauspielern hätte er an diesem Abend besser nicht so ausgereizt. Die übertriebene Art, wie er die Rolle des Sängers anlegte, hätte eines strengen Regisseurs bedurft. Der hätte ihm das Outrieren austreiben und den Weg zu Zwischentönen und ironischen Wendungen weisen müssen. Beckers gestisches Repertoire verharrte in unwürdiger Beschränkung. Einmal machte er ein Polaroid von einer Konzertbesucherin, ansonsten konzentrierte er sich auf das, was er virtuos kann: Rauchen und Alkohol trinken. Mit Raffinesse entließ er Rauch aus den Mundwinkeln, spitzte die Lippen und hauchte mit Grabesstimme: „Ich rauche eine Zigarette, weil ich dich jetzt brauch'“. Da fokussierte sich sein Blick auf die Unendlichkeit, seine Kehle erbrach: „Alles geht in Rauch auf, ich auch.“
Cash, Cave und Cohen in einer Person?
Schön wäre solch Auflösung in ein freundliches Gas ja gewesen, doch leider war die „Ode an Bruno“ erst der Beginn eines Höllenritts in Pathos und Schmierentheater. Becker wollte merkbar Johnny Cash, Nick Cave und Leonard Cohen in einer Person sein. Dabei ergaben sich Hindernisse. Sein seltsam verschliffenes Jütland-Englisch etwa. Es löste ganz unbeabsichtigte Heiterkeit im Publikum aus. Leonard Cohens „You Know Who I Am“ meuchelte er geradezu sportlich. Nick Caves „Ship Song“ machte er mit breiter Brust zum Massengrab der Gefühle.
Und für „Hurt“, jenem Trent-Reznor-Song, den Johnny Cash zum Klassiker gemacht hat, erfand sich Becker eine kuriose Art Koloraturröchler, um sich nicht völlig von der Melodie abzukoppeln. Als gerade seifige Gitarrensoli quälten und Becker ein wenig abseits stand, glaubte ein Mädchen, die Gunst der Minute nützen zu können. Sie raste an die Rampe und bat um ein Autogramm. So verstiegen das auch war, die brutale, öffentliche Abfuhr, die ihr Becker postwendend zukommen ließ, hatte sie in dieser Härte nicht verdient.
Charme entwickelt Becker leichter, wenn es um seine Interessen geht. So wurde sein traurig-begehrliches „Nacktphotographieren“ einer der raren Momente des Abends, der authentisch wirkte. Mit „Schwarze Frau“ hingegen, das sich mit politisch unkorrekter Lautmalerei und billigem Exotismus andiente, erreichte er einen veritablen Tiefpunkt. Am Ende, als die Sensiblen im Publikum schon heftige Stresssignale aussandten, glückte mit der zärtlich dargebrachten Zugabe, Heinrich Heines altem „Loreley-Lied“, ein versöhnlicher Schlusspunkt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)
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