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Experiment mit Paul Claudel, spannend, aber auch irritierend

12.10.2012 | 18:34 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

Wiener Schauspielhaus. „Der Seidene Schuh“, der erste Teil des Monumentaldramas, erregte unerwartet viel, auch unpassende Heiterkeit.

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Das Schauspielhaus muss man einfach lieben. So viel fundierte Fantasie! Doch diesmal hat man sich womöglich etwas überhoben. Die Serien über Doderers „Strudlhofstiege“, Freuds oder Schuberts Vita begeisterten viele. Mit Paul Claudels Monumentaldrama „Der Seidene Schuh“ wird jedoch ein höherer Schwierigkeitsgrad angepeilt.

Thomas Arzt, dessen lautmalerische Groteske „Grillenparz“ im Schauspielhaus zu sehen war, bearbeitete das 381-Seiten-Werk. Der erste Teil hatte Donnerstagabend Premiere. Claudel (1868–1955), Diplomat, Schriftsteller, hatte 18-jährig in der Kathedrale von Notre Dame in Paris ein Erweckungserlebnis. Sein Glaube war tief, wissend, vielschichtig. Den dominanten religiösen Aspekt des „Seidenen Schuh“ zu ironisieren oder sich darüber lustig zu machen, heißt den Autor grob missverstehen; Mundart-Gstanzln über „Nockate unterm Kruzifix“ sind hier völlig fehl am Platz. Claudel pflegte einen hohen, getragenen Ton – der richtigerweise auch Teile dieses Abends prägt. Worum geht es hier? Um eine Variation von „Tristan und Isolde“.

Der Welteroberer Rodrigo liebt die unglücklich verheiratete Donã Proëza, die ihren seidenen Schuh der Madonna schenkt. Sie hinkt, das soll sie daran hindern, sich ins Böse, in den Ehebruch, zu stürzen. Entsagung prägt diese Leidenschaft. Auch Claudel verliebte sich in eine verheiratete Frau. Das kolonialistisch brutale „Goldene Zeitalter“ Spaniens im 16. Jahrhundert ist Schauplatz des Dramas. Das Buch ist verwirrend, auch verstiegen, aber es zieht einen so unmittelbar in Bann wie Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Zu Beginn werden Claudels minimalistisch-moderne Szenenanweisungen gelesen. Die 95 Minuten dauernde Aufführung in der Regie von Gernot Grünewald ist kurzweilig, getragen von einem wie üblich ausgezeichneten Ensemble, das sich mit Requisiten, die von der Decke hängen – vor einer goldenen Ziegelwand – blitzschnell verwandelt. Es gibt Projektionen und Kirchenmusik. Schön.

 

Grandioser „Fallender Engel“: Katja Jung

Die Männer machen sich die Erde untertan, versklaven, misshandeln die Menschen, die sich wie zwei pfiffige Chinesen angesichts der Gewalt in ihr Schicksal fügen. Die Frauen bleiben zurück oder ergeben sich der Magie, die aber auch oft dem Geldgewinn dienen muss – wie bei der „Negerin Jobarbara“. Johanna Elisabeth Rehm zeichnet glaubwürdig die von Schuldgefühlen geplagte Donã Proëza. Thiemo Strutzenberger als stämmiger Rodrigo wirkt verunsichert, er ist nicht unsensibel, auch beredt, letztlich aber resigniert angesichts der komplizierten Verhältnisse. Machtspiele und Manipulationen stören, überwuchern, ersticken die Gefühle. Hier liegt die Inszenierung richtig. Im Kaleidoskop der darstellerischen Virtuosenstücke, die rätselhafte Passagen im Text völlig vergessen lassen, gibt es zwei starke und stimmige Bilder: Thomas Arzt fügte einen „Fallenden Engel“ (Grandios! Katja Jung) ein, der in einer sehr heutigen und auch würdigen Sprache mit Gott hadert. Seine Flügel hat er sich ausgerissen, sie wachsen aber nach. Statt in der Hölle ist er auf der Erde gelandet, dort gefällt es ihm überhaupt nicht. Er kommt von Gott nicht los, kann aber auch nicht zu ihm zurückkehren.

Die zweite Szene: Rodrigos Bruder, ein Jesuit, ist an einen Mast gefesselt, auf einem Schiff, das im Meer versinkt. Er vertraut sich Gott an und erbittet Rodrigos Bekehrung. Das Premierenpublikum wirkte begeistert. Doch Claudels diffizil-mystischer Kosmos wurde fürs Erste nur fragmentarisch revitalisiert (Teil II: 18. 10; Teil III: 1. 11.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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