Die Presse: Was sind für Sie die wichtigsten Unterschiede zwischen „Urfaust“ und „Faust“?
Enrico Lübbe: Wenn man sich dem „Urfaust“ nähert, sollte man zunächst einiges vergessen, was man über „Faust“ weiß. Vieles, was bei „Faust I“ erklärt wird, bleibt beim „Urfaust“ fragmentarisch. Es gibt keinen Himmel, keine Hölle, keinen Osterspaziergang, keinen Pudel, keinen Pakt zwischen Faust und Mephisto. Man weiß nicht einmal, wer dieser Mephisto eigentlich ist. Als ich mir überlegt habe, „Faust“ zu machen, habe ich mich bewusst für den „Urfaust“ entschieden, weil ich ihn viel interessanter fand. Der „Urfaust“ ist Sturm und Drang, „Faust I“ ist deutsche Klassik. Beim „Urfaust“ war Goethe Mitte zwanzig, beim „Faust“ war er ein gestandener Mann, der einen Gelehrten beschrieb, der danach sucht, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Der „Urfaust“ dagegen ist der Stürmer und Dränger, der eine wahnsinnige Gier nach Leben hat. Das gilt auch für andere Figuren, z.B. Marthe Schwertlein, die wie Lorcas „Doña Rosita“ auf einen Mann wartet, der nie kommt.
Was ist Ihr Lieblingszitat im „Urfaust“?
Vielleicht „ich oder du“, das taucht in dem Text öfter auf.
Was ist Mephisto, wenn er nicht der Teufel ist?
Faust und Mephisto haben sehr viel miteinander zu tun, vielleicht erlebt Faust eine Persönlichkeitsspaltung, oder er hat in Mephisto sein Alter Ego vor sich. Mephisto wird zwar als Teufel benannt, man kann den „Urfaust“ aber auch dahingehend lesen, dass er ein Teil von Faust ist. Faust ist ein Mann mittleren Alters, der nie aus seiner Stube hinausgekommen ist. Heute würde so einer bis drei Uhr morgens im Internet surfen. Faust hat nie das Leben gespürt, keine Frau angesprochen, geschweige denn berührt. Jetzt kommt jemand, vielleicht ein anderer, vielleicht eine innere Stimme und sagt: „Geh endlich mal raus!“ Und das tut Faust – mit allen Konsequenzen.
Wie sind Sie „Faust“ erstmals begegnet?
In der DDR war er zentraler Schulstoff, wir hatten ihn beim Abitur, sowohl den ersten wie den zweiten Teil. Goethe war in der DDR sehr wichtig. Das war auch ein Kampf zwischen Ost und West. In der DDR propagierte man, Goethe, der Weimaraner, sei einer von uns. Dumm nur, dass er in Frankfurt geboren wurde. Und den „Faust III“, den schreiben wir uns selbst. Ich bin auch auf ein Goethe-Gymnasium gegangen...
Sie waren bei der Wende 14 Jahre alt. Wie haben Sie das erlebt?
Ich bin in Schwerin, in Mecklenburg, aufgewachsen. Dort war die Revolution eher verhalten. Die große Protestwelle, die große Wucht kam aus Leipzig. Mein Bruder hat zu der Zeit in Leipzig gelernt, wir haben mit ihm mitgefiebert. Es war eine aufregende Zeit, aber ich muss sagen, dass ich zu DDR-Zeiten nicht gelitten habe. Ich war ein Kind, wohlbehütet und glücklich.
Sie sind Schauspieldirektor in Chemnitz und gehen 2013 als Intendant ans Schauspiel in Leipzig. Wie geht es den Theatern in der DDR heute, 23 Jahre nach der Wende?
Die deutschen Theater kämpfen alle, im Osten wie im Westen. Die öffentlichen Gelder werden knapper, es wird schwieriger, Zuschauer zu finden. Zu DDR-Zeiten gab es mehrere interessante Bühnen, in Berlin, Schwerin, Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß, Dresden. Die Parteiführung in diesen Städten war liberaler, da konnte man was machen. In Karl-Marx-Stadt beispielsweise waren vor und nach der Wende wichtige Theaterleute: Frank Castorf, Ulrich Mühe, Armin Petras, Michael Thalheimer, Hasko Weber. Das Haus war oft voll, weil die Leute auf der Suche waren nach Gegenentwürfen zur Propaganda, nach dem versteckt Subversivem. Ich habe zu DDR-Zeiten erlebt, wie im Schweriner Theater auf der Bühne der Satz fiel: „Oh, ich glaube, ein Vogel ist über die Mauer geflogen!“ Da sind die Leute ausgerastet. Heute interessiert das keinen mehr. Die Sensibilität war eine ganz andere.
Sie gelten als traditioneller Regisseur, keine Nackten auf der Bühne. Die braucht man vielleicht auch nicht, weil es ohnehin schon so viele gab?
Na, dann bin ich ja diesmal nicht traditionell, denn im „Urfaust“ wird es durchaus Nackte geben... Aber ernsthaft: Was heißt bitte traditionell? Wenn „traditionell“ heißt, eine Geschichte zu erzählen, Theaterzuschauer zu berühren, gar zu fesseln, dann bin ich gerne ein traditioneller Regisseur.
Enrico Lübbe, geboren 1975 in Schwerin, spielte als Elfjähriger die Hauptrolle in der DDR-Kultserie für Kids, „Alfons Zitterbacke“. Seit 2008 ist Lübbe Schauspieldirektor in Chemnitz, 2013 wechselt er nach Leipzig. Am Berliner Ensemble inszenierte er Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“.
„Urfaust“ von Goethe mit Denis Petković, Günter Franzmeier, Nanette Waidmann hat am 19.11. im Volkstheater Premiere.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)
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