So leicht ist die Erinnerung da: Tom Wingfield (Ferdinand Seebacher), Erzähler in „Die Glasmenagerie“, schnippt, schon geht nach Belieben das Licht an oder aus. Am Schluss aber, wenn der junge Mann aus kleinbürgerlichem Elend fertig ist, flieht, wird es dunkel in Tennessee Williams „Die Glasmenagerie“, das für den Autor aus dem Süden der USA unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Weltruhm begründet hat. Mit großem Respekt vor dem Text hat der Kroate René Medvešek diese traurige Geschichte einfühlsam inszeniert. Das Volkstheater ist damit in den Bezirken auf Tour. Es geht um Illusionisten, für die sich der amerikanische Traum gar nicht erfüllt. Schmerz bereitet dieses Drama, also ist Vorsicht geboten in der Darstellung. Leicht kann man ins Sentiment abgleiten. Das ist aber bei dieser Inszenierung nicht der Fall.
Bei der Premiere hat das Quartett auf der Bühne durchwegs überzeugt. Seebacher, der demnächst in Graz sein Schauspielstudium abschließen will, vermittelt glaubhaft Elan, der durch eine dominante Mutter gebremst wird: Amanda (Doris Weiner), ist, so wie ihre leicht gehbehinderte Tochter Laura (Andrea Bröderbauer), vom Einkommen des Sohnes abhängig. Tom träumt von der Kunst, muss sich aber als Lagerarbeiter durchschlagen. Der Vater hat die Familie vor Jahren verlassen, Amanda hält trotz des sozialen Abstiegs in einem Arbeiterbezirk in St. Louis an der Fiktion fest, eine umworbene „Southern Belle“ zu sein. Das Resolute und die Verzweiflung – Weimer kann beides, fast gleichzeitig. Sie gibt der Aufführung schöne Ambiguität.
Schüchternheit in feinen Abstufungen
Laura wiederum hat die Ausbildung geschmissen, sie flüchtet in eine Traumwelt, die durch ihre Sammlung an kleinen Tierfiguren aus Glas symbolisiert wird. Bröderbauer spielt dieses schüchterne Wesen in feinen Abstufungen. Kaum bemerkt man das Hinken, aber ihr Gesicht spiegelt die völlige Zurücksetzung wider. Das Drama entwickelt sich in den letzten Bildern zu einer Kammertragödie. Tom hat seinen Arbeitskollegen Jim nach Hause mitgebracht.
Für die zwei Frauen ist er der Retter, ein Verehrer, der zum Versorger werden soll. Tim Breyvogel entspricht oberflächlich diesem Bild des Heroen, doch unter der smarten Hülle ahnt man ebenfalls Verwundungen. Am schönsten kommt dies im Finale zum Ausdruck, im Tête-à-tête mit Laura. Die Verlegenheit wird von beiden ganz vorzüglich gespielt. Und so falsch sind die Hoffnungen, wie der verräterische Kuss, nach dem das große Bekenntnis kommt: Hier gibt es keine große Zukunft, nur peinliche Enttäuschung. Wie zum Hohn ertönt aus dem alten Grammofon fröhliche Folkmusik. Wenn die aufhört, bleibt nur noch dunkle Stille. So bitter und so voller Scham kann Erinnerung sein. norb
Nächste Termine: 18. - 26. 10., 28. 10.– 2. 11.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2012)
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