Schauspielhaus: Claudels verflucht katholische Welt

15.11.2012 | 20:18 |  Von Norbert Mayer (Die Presse)

Ein Ungetüm wird intelligent ins Gegenwärtige übertragen: Vier Autoren und Regisseure trauen sich „Der seidene Schuh“ zu. Die vier Ergebnisse sind different, das Gesamtprojekt beeindruckt durch seine Konsequenz.

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Wie eine Galeone mit voller Takelage wirkt Paul Claudels gewichtiges Drama „Der seidene Schuh“, das der Franzose von 1919 bis 1924 geschrieben hat. Da war er längst auf Pilgerschaft zu katholischer Strenge. Vier Akte (Tage) hat dieses Welttheater, doch sie wirken wie vier ausgewachsene Stücke, die von Spaniens Macht im 16. Jahrhundert, von Glaubenskämpfen, Begegnungen mit Fremdem, vor allem aber von unerfüllter Liebe handeln. Insgesamt 370 Seiten macht Claudels Hauptwerk in der neuen deutschen Übersetzung von Herbert Meier aus. Ein Lesedrama also? Unspielbar?

Das Schauspielhaus Wien hat die Herausforderung angenommen und bietet das kühne Werk als Schwerpunkt seines Herbstprogramms an. Damit es zum Theater passt, das an sich Zeitgenössisches bietet, wurden damit vier junge Autoren und Regisseure beauftragt. Zehn Schauspieler schlüpfen in Dutzende Rollen. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich geworden. Aficionados können das Werk, das erst nur einzeln, dann auch mit zwei Teilen pro Abend gegeben worden ist, demnächst sogar an einem Tag en suite sehen: Am 17. und 30. November wird es jeweils komplett gezeigt, bis spät in die Nacht, fast acht Stunden inklusive Pausen.

Der erste Akt, vom Autor Thomas Arzt bearbeitet und von Gernot Grünewald inszeniert, ist verspielt und doch meist nah am ursprünglichen Text. Rasch wird klar, dass die schöne Doña Proëza (Johanna Elisabeth Rehm), die mit dem alten Richter Don Pelayo (Steffen Höld) verheiratet ist, besser zum Eroberer Don Rodrigo (Thiemo Strutzenberger) passen würde. Doch sie versagen sich trotz heftiger Wallung der Liebelei. Anstand und Ehrgeiz sind stärker. Bald wird das Symbol der unerfüllten Liebe erhöht. Die Doña streift ihren seidenen roten Schuh ab und bringt ihn der Muttergottes dar. Fortan schwebt er hoch oben, wo zuvor Reifröcke und Halskrausen hingen, während die hohe Dame humpelnd durch Spanien und die vom Königreich eroberte Welt streift.

Die Grundstimmung der Liebenden: Sublimation. Die der Mächtigen: noch mehr Macht und Unterdrückung. Wir befinden uns im Jahrhundert des Scheiterns der Armada gegen die britischen Reformatoren, des Sieges gegen die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto, auf der Jagd nach Ressourcen in Afrika und Übersee. Bis nach Japan und Westindien verschlägt es die wilden Christen. Wie kalt das Reich kalkuliert, sieht man am König, von Max Mayer souverän gespielt. Das gesamte Ensemble weiß genau, wie es spielerisch eine Welt erzeugt.

Wogende Musik wie im ganz großen Kino

Bei der Inszenierung solcher Fantastik kann man eigentlich nur scheitern, aber die Darsteller agieren dabei auf höchstem Niveau. Nach dem fulminanten Start, der musikalisch, drängend und so postdramatisch ist, wie das bereits von Claudel angelegt gewesen ist, folgt ein zweiter Akt, der im Vergleich langweilt. Jörg Albrecht hat ihn bearbeitet, Mélanie Huber inszeniert. Die Musik wogt auch hier, sie erinnert in allen Teilen an die Titelmelodie des Films „Die eiserne Maske“. Immer wird großes Kino signalisiert, in Wüsten und auf See, als Melodram von Piraten und Wegelagerern in edler Verkleidung. Ein rotes Tuch spannt sich über die Bühne, Segel oder Zelt; Kirchenbänke, begrenzen die Szene, rücken nun in die Mitte. Am zweiten Tag wird deklamiert, als ob es um einen Rosenkranz ginge, doch die Spannung wird hier nicht wirklich eingelöst. Monologisch ist der Abschnitt, monoton. Die Sprache bleibt weiterhin stark. Dieser solitäre Autor lässt sich nicht kleinkriegen, selbst wenn es jetzt häufiger karikierende Absichten gibt.

Noch weiter vom Text haben sich im dritten Teil die Autorin Anja Hilling und Regisseurin Christine Eder vom Original entfernt. Ihre Sprache ist häufig profan, aber weil hier eine echte Dichterin am Werk ist, die die Größe Claudels respektiert, ergeben sich reizvolle Kontraste. Selbst im Gewöhnlichen schimmert die Transzendenz des ursprünglichen Textes durch. „Die Eroberung der Einsamkeit“ heißt dieser entscheidende Tag zehn Jahre danach – der einzige, an dem sich das Liebespaar tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Zuvor irrte nur ein verzweifelter Brief durch die Welt. Berührend sind diese Auftritte, das Pathos stört nicht, weil es sehr gezielt eingesetzt wird, weil Charakterköpfe wie Katja Jung es klug konterkarieren. Geistliche und Engel sind hier ziemlich grob, das traurige Exotische wird in Komik aufgelöst.

Das Mittelmeer als ewige Kampfzone


Die Expedition endet furios im Kulturkampf. Tine Rahel Völcker textet Teil vier mit den großen Seeschlachten zur aktuellen Irrfahrt um, Pedro Martins Beja folgt ihr mit seiner Inszenierung willig dorthin. Proëza ist längst tot. Jetzt geht es um neue Abenteuer und die finalen Leiden Rodrigos. Der Einsatz von Stilmitteln wie Video und Elektronik-Sound ist hier überraschend stimmig, auch dieser Tag wirkt angenehm kurz und bündig. Ein Ungetüm wird im Schauspielhaus intelligent ins Gegenwärtige übertragen. Die Leistung des Teams ist dabei bewundernswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2012)

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1 Kommentare

Aja. so sieht also Verhetzung aus.


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