Kabarettpreis: "Meine einzige Option wäre Kellnern"

02.12.2012 | 15:49 |  von Veronika Schmidt (Die Presse)

Manuel Rubey, Thomas Stipsits und Hosea Ratschiller werden am Montag ausgezeichnet. Mit der „Presse“ sprachen sie über Lotterleben und Angst, ORF und Frauenquote, Loriot und Deix.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Die Presse: Mein Kollege, ein Dr. iur., der gerne Humoristisches vorträgt, antwortet auf die Frage, warum er nicht Kabarettist geworden sei: „Weil ich leider was G'scheites gelernt hab". Bei der Liste an Studien- und Schulabbrechern im heimischen Kabarett könnte man ihm recht geben.

Hosea Ratschiller: Nein, denn wie bei Journalisten kann es auch ganz interessant sein, wenn die wirklich was wissen. Es gibt Kabarettisten, die fertig ausgebildet sind, es in ihrem Beruf zu etwas bringen könnten, aber trotzdem gutes Kabarett machen.

Aber auf Sie trifft es zu? Sie haben mit 16 beim Radio eine Learning by Doing-Karriere gestartet.

Ratschiller: Ich habe das Studieren nicht ausgehalten. Aber es ärgert mich, dass ich zu feig war, meinem Vater zu sagen, dass ich gerne eine Schauspielausbildung machen würde. Es wäre jetzt praktisch, auf ein Handwerk zurück greifen zu können.

Thomas Stipsits: Man lernt aber mit jedem Auftritt und ich finde zu viel Handwerk gar nicht gut. Sonst wird es so verkopft und verkrampft. Dann verschwindet der Bauch ganz. Meiner Erfahrung nach gehen Bauchsachen viel besser als verkopfte G'schichten.

Ratschiller: Ich bin aber wohl so verkopft, dass ich denke, dass man zwischen Kopf und Bauch nicht unterscheiden kann.

Manuel Rubey: Ich habe zwar die Schauspielschule gemacht. Doch ich halte nichts von Schauspielschulen, denn das Originäre kann man nur in sich selber entdecken. Und in entscheidenden Phasen ist es wichtig, dass man keine Option hat, um das Handtuch nicht zu werfen. Als ich mir dachte: „Wofür das alles?", bin ich am Schauspielen dran geblieben, da meine einzige Option Kellnern gewesen wäre.

Sie haben also keinen „Tagsüber-Job", sondern verkörpern das alte Klischee des Kabarettisten: Lang schlafen, abends spielen und dann trinken?

Stipsits: Manchmal trifft das zu! Früher habe ich wirklich bis 15 Uhr geschlafen. Aber seit ich 2008 für ein halbes Jahr pausiert habe, stelle ich mir auch an spielfreien Tagen den Wecker auf 8 Uhr, um nicht in dieses Hamsterrad zu kommen. Ich schlaf dann halt am Nachmittag zwei Stunden.

Rubey: Ich habe in Wien ja ein normales Familienleben, aber wenn wir auf Tour sind, genieße ich diesen Luxus sehr, dass man ausschlafen kann und erst um 18 Uhr am Abend halbwegs beinand sein muss.

Ratschiller: Ich strebe das durchaus an. Aber ich muss die ganze Zeit arbeiten, damit ich mir das Kabarett spielen leisten kann.

Sie sagten nach der Premiere von „Das gehört nicht hierher", dass Sie damit keine Preise gewinnen werden. Hatten Sie vielleicht Angst, das Publikum zu überfordern?

Ratschiller: Das war die einzige Angst, die ich nicht hatte. So eine Sorge würde viel verhindern - außerdem ist mein Publikum ausgesprochen schlau und gut aussehend. Das habe ich aus reinstem Selbstzweifel gesagt und wegen Erfahrungen, die ich mit anderen Projekten gemacht habe (Anm: Absetzung von „Welt Ahoi" auf Ö1).

Rubey: Die Kombination von „selbstbewusst" und „gut" ist bei einem Künstler ohnehin ein Widerspruch.

Doch dem Projekt „Triest" ist von Anfang an der Ruhm zugeflogen: Haben Sie mit dem Kabarettpreis gerechnet?

Stipsits: Überhaupt nicht. Vor dem Start gab es fast ausschließlich Gegenwind. Sowohl mir, als auch dem Manuel haben Freunde gesagt: „Ob sich das ausgeht mit Euch beiden? Das schadet Dir eher. Mach das nicht!"

Rubey: Schön war dann, wie sich der Wind gedreht hat und aus der Skepsis schnell ein „Ich hab das immer gewusst!" wurde.

Ratschiller: Mir wurde dafür gesagt, ich soll froh sein, dass so ein Preis mit Geld verbunden ist, denn sonst bringt der nichts. Doch das stimmt nicht. Ich merke, dass sich mehr Leute für meine Sachen interessieren.

Ihr erstes Programm war leider nicht der Publikumsrenner?

Ratschiller: Das ist zum Teil meine Schuld, da ich mich nie um PR gekümmert habe. Ich dachte: „Die Sachen sind so spitze, die Leute haben gar keine andere Wahl!". Doch beides stimmt nicht. Es ist gut, wenn man eine Agentur hat, die einem Pressearbeit und Booking abnimmt. Denn als Künstler funktioniert die Ich-AG nicht: Nichts ist schwerer, als seine künstlerische Arbeit in drei Werbesätze zu fassen.

Stipsits: Sich selbst zu verkaufen, klappt nicht. Man ruft den Veranstalter an und sagt: „Ja, ich bin lustig."

Rubey: Dann kommt schnell der Verdacht auf, dass das nichts sein kann, wenn man selbst anruft. Gegenüber Agenturen haben die Leute mehr Respekt.

Die Gala wird heute auch aufgezeichnet: Braucht ein Kabarettist das Fernsehen?

Stipsits: Ganz am Anfang läuft viel über Mundpropaganda.

Rubey: Aber eine gewisse Fernsehpräsenz ist der Sache nicht abträglich. Ich versuche aber, alles, was ein rein gesellschaftliches Format ist, zu vermeiden.

Stipsits: Wenn man - wie im Sommerkabarett - sein Progamm zeigen kann, bringt das Fernsehen sehr viel. Aber wegen zehn Seitenblicke-Interviews kommen keine neuen Leute in dein Programm.

Ratschiller: Was in Österreich fehlt, ist eine Sendung mit Kurzauftritten - ähnlich wie Ottis Schlachthof in Deutschland.

Da gab es gerade die „Große Comedy Chance"...

Rubey: Aber Castingshows sind ein Grundmissverständnis. In Österreich hat noch niemandem eine Castingshow geholfen, außer vielleicht der Frau Stürmer für kurze Zeit.

Stipsits: Ich finde die Hyundai Kabarett-Tage auf ORF III gut, wo nicht so bekannte Kabarettisten eine Plattform kriegen.

Rubey: In den 1990ern hab es auch „Vorband-mäßige" Auftritte bei Vorstellungen der bekannten Kabarettisten. Das würde publikumstechnisch auch heute viel bringen.

Bei der Comedy-Chance kamen nur Männer ins Finale. Sind Sie für eine Frauenquote im Kabarett?

Ratschiller: Wir selber können keine Frauen mit auf die Bühne nehmen, außer wir schreiben sie ins Stück. Doch für öffentlich repräsentative Flächen wie eine Kurzauftritt-Sendung wäre eine Quote sinnvoll. Man muss sich keine Sorgen um Frauen im Kabarett machen, das zeigt das Duo Flüsterzweieck oder Uta Köbernick, die aus dem Poetry-Slam kommt. Aus dieser Kurttext-Form entsteht gerade ein neues Genre im Humorbetrieb mit Leuten wie Paul Pizzera oder Didi Sommer. Dieses Genre hat ganz andere Gesetze als das Kabarett, das aus der bürgerlichen Ecke kommt. Es wird zu einer popkulturellen Veranstaltung.
Stipsits: Überhaupt ist das österreichische Kabarett enorm vielfältig, jeder hat seine Eigenständigkeit. In Deutschland gibt es zehn Mario Barths, aber in Österreich nur einen Thomas Maurer.

Ratschiller: Aber in Deutschland gibt es auch nur einen Georg Schramm, einen Harald Schmidt und einen Helge Schneider.

Stipsits: Stimmt, und der Beste kommt auch aus Deutschland. Gerhard Polt.

Rubey: An Polt gefällt mir, dass er zwischen aktuell und akut unterscheidet: Das Aktuelle interessiert ihn nicht, sondern das Akute.

Ratschiller: Polt hat übrigens „Fast wie im richtigen Leben" auf eigene Kosten produziert und dann dem Bayrischen Rundfunk angeboten.

Das klingt wie die Geschichte von „Fauner Consulting", Herr Rubey.

Rubey: Aber die gesamte Serie hat ungefähr soviel gekostet, wie jetzt der Kabarettpreis dotiert ist (Anm. 5001 Euro). Ich bin trotzdem froh, dass der ORF es gespielt hat. Wir wissen bloß nicht, warum es keine zweite Staffel geben wird.

Stipsits: Es ist schade, dass Dinge bei uns nicht die Zeit bekommen, sich zu entwickeln.

Wie sehr hat übrigens Manfred Deix, der heute den Sonderpreis erhält, bei Ihrer Entwicklung zum Satiriker geholfen?

Stipsits: Sehr! Der Deix kann was irrsinnig G'scheites in zwei Sätzen sagen, in zwei Worten.

Rubey: Er hat ein eigenes Genre erschaffen: Deix-Figuren! Da hat jeder Österreicher ein Bild dazu.

Ratschiller: Seit ich mich erinnern kann, gibt es ihn, und er war nie schlecht.

Rubey: Deix ist die österreichische Antwort auf Loriot. Aber wir sind einfach dreckiger, mit mehr Katholizismus und Unaufgearbeitetem, und so bringt es der Deix.

Was ist es, das Sie am Kabarett so fasziniert?
Rubey: Man gibt viel mehr von sich selber her, macht sich in einer anderen Form „nackt", wenn man die Sache selber schreibt. Wenn das gut aufgenommen wird, tut das sehr gut.

Stipsits: Das Publikum zwei Stunden mit auf deine Reise zu nehmen, das ist das schönste Gefühl. Gemeinsam mit den Leuten abheben ist wie eine Droge. Traurig ist nur, wenn man nachher in den leeren Saal geht, und der Zauber weg ist.

Ratschiller: Beim Radio spreche ich in die Leere, da ist die Bühne echt besser. Und Kabarett ist deshalb teurer als Kino, weil jederzeit jemand auf die Bühne gehen und mir eine mit einem Schlagring auflegen könnte. Ich muss den Leuten etwas erzählen, das sie spannend genug finden, damit sie mir nichts tun.

Rubey: Wer das Publikum ignoriert, soll besser Filme drehen. Die Befreiung im Gegensatz zum Theater ist: Live is live. Man kann auf alles eingehen.

Auf einen Blick
Der Österreichische Kabarettpreis wird heute im Porgy und Bess an Manuel Rubey (* 1979 in Wien) und Thomas Stipsits (* 1983 in Leoben) für das Programm „Triest“ verliehen. Der Förderpreis geht an Hosea Ratschiller (* 1981 in Klagenfurt) für die Programme „Das gehört nicht hierher“ und „Die FM4-Ombudsmann-Dienstreise“. Der Sonderpreis geht an den „Monolithen der Satire“ Manfred Deix. Die Gala ist am 4. 12. um 21.05 Uhr auf ORF III zu sehen.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

Die meisten Kellner ...

... sind witziger als diese drei Figuren zusammen.

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden