Andreas Beck: "Theater müssten sich entschleunigen"

30.12.2012 | 18:30 |  von Norbert Mayer (Die Presse)

Andreas Beck genießt die Freiheit, Direktor des Wiener Schauspielhauses zu sein. Ein Gespräch über die Lust an und Pflicht zu Uraufführungen, die Sehnsucht nach Muße und die Herausforderung durch Claudel.

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Die Presse: Sie führen das Wiener Schauspielhaus bereits im sechsten Jahr. 2007 kamen Sie vom Burgtheater, Sie wurden vom Dramaturgen zum Direktor. Haben Sie das jemals bereut?

Andreas Beck: Nein, und nach dem Burgtheater habe ich, so gerne ich dort gearbeitet habe, zurzeit keine Sehnsucht; höchstens nach den dortigen Produktionsmöglichkeiten und der Opulenz der Mittel. Im Schauspielhaus genieße ich vor allem die Freiheit. Für die habe ich mich entschieden, obwohl Freiheit auch anstrengend sein kann.

Was gewinnen Sie dabei?

Wir können sehr viel ausprobieren. Das geht in einem großen Haus heutzutage kaum noch, weil man stärker denn je zum Erfolg verurteilt ist. Aber mir geht es auf die Nerven, wenn Intendanten nur mehr über Quoten oder wirtschaftliche Erfolge reden. So muss ein Kaufmann denken, aber ein künstlerischer Leiter sollte andere Schwerpunkte haben.

Sie kommen aus der Dramaturgie, so wie Ihre Kollegen Joachim Lux und Bettina Hering, die nun ebenfalls Theater leiten. Sehen Sie als Intendant sich auch vor allem als Dramaturg?

Ja, wobei sich das Berufsbild stark verändert hat. Der Dramaturg ist der Bleibende am Theater, der Produzent, der sich der Gewachsenheit und Tradition seines Hauses stellen muss. Er entwickelt nicht nur neue Ideen zu bestehenden Stoffen, sondern verführt die Regisseure dazu. Engagiert Autorinnen und Autoren. Mit unserem Handwerkszeug könnten wir gelegentlich auch inszenieren, aber das hilft dem Theater nicht. Das braucht irrwitzige Feuerköpfe und keine Dramaturgen-Regieeinfälle.

Neigen aber nicht gerade Regisseure zur Überschätzung? Wie steht es mit dem Lob des Schauspielertheaters?

Sie agieren manchmal tatsächlich wie Popstars. Der Druck, originell zu sein, ist gerade bei den Jungen extrem hoch. Manchen reicht die Umsetzung eines Texts nicht mehr, sie suchen überall Metaebenen. Da denkt man oft: Lieber Gott, mach es doch einfach mal vom Blatt! Ich arbeite mit einer jüngeren Generation, als ich es bin, zusammen. Denen sage ich oft: Geht behutsam mit eurer Kreativität um!

 

Was halten Sie von der Kritik Ihres Exchefs Klaus Bachler, der von München aus mitteilen ließ, dass Wiens Weltruhm oft nur bis Purkersdorf reiche?

Zunächst: Theater ist lokal. Und dass ein Theater, vor allem ein subventioniertes Stadttheater, Uraufführungen macht, sollte Alltag sein, damit muss sich keiner brüsten. Aber vielleicht hat Nikolaus Bachler insofern recht, dass man sich schon fragen sollte, ob die Wiener Theater ausreichend durch Gastspiele im deutschsprachigen Kontext präsent sind, also: jenseits des Wiener Umlands.

Wo steht da Ihr Schauspielhaus?

Was wir hier entwickeln, ist etwas sehr Besonderes, Gegenwärtiges. Wir gastieren sehr viel, folgen Einladungen, auch ins nichtdeutschsprachige Ausland. Nicht jede Uraufführung ist ein Meilenstein. Man kann auch nicht einen Erfolg nach dem anderen schreiben oder produzieren. Trotzdem ist Kontinuität wichtig, weil neue Schreibweisen neue Spielweisen ergeben und so im besten Fall ungewohnte Sichtweisen evoziert werden.

Wer war für Sie von den Autoren am Schauspielhaus besonders wichtig?

Ewald Palmetshofer, von Beginn an. Er hat uns mit seinen Stücken ungeheuer inspiriert, herausgefordert. Es war nicht einfach, seine Texte umzusetzen. Jedes Jahr haben wir uns durch Autorinnen und Autoren gefordert. Denken Sie an Anja Hilling und ihr „Schwarzes Tier Traurigkeit“, ihr „Der Garten“. Wichtig war auch Philipp Löhle, er ist inzwischen in Deutschland einer der besten Komödienschreiber. Oder die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Kevin Rittberger, einem hoch intellektuellen Autor. Und last but not least Thomas Arzt. Mit ihm haben wir bei „Grillenparz“ eine neue Art von Heimatdichtung riskiert. Wir setzen bewusst auf neueste Dramatik, und heute ist eine Sehnsucht nach dem Narrativen auszumachen; in den zurückliegenden Jahren war die Recherche zu einem Stück oftmals schon das Stück selbst – was toll war. Jetzt sucht man wieder Geschichten und Figuren, eine dramatische Geschlossenheit.

Was Sie Revue passieren lassen, klingt nach Überfülle.

Ich glaube, dass wir alle zurzeit viel zu viel produzieren. Da wünschte ich mir mitunter „ein faules Theater“, in dem nicht alle drei, vier Wochen etwas herausgebracht wird. Auch die Theater müssten sich entschleunigen. Wir sollten weniger machen müssen, damit man mehr Zeit zum Verwerfen hat. Aber so funktioniert das heute leider nicht mehr. Wer nicht mindestens einmal im Monat seine Marke setzt, der ist nicht mehr sichtbar. Und dann ist da noch der alte Trick: Wer 20 Erbsen in die Luft wirft, hat größere Chancen, dass eine oder gar mehrere im Topf, ergo im Ziel landen. Und genau auf dieses Ziel schauen unsere Dienstherren, sprich die Politik. Wir müssen aber Unterhaltung jenseits von Klamauk und Kalauern bieten. Ich habe Sehnsucht nach einer Unterhaltung durch Intelligenz und Fülle.

In dieser Saison haben Sie sich für das Langsame entschieden. Paul Claudels „Der Seidene Schuh“ ist ein Riesenstück. Sind Sie katholisch geworden?

Katholisch war ich früher mal. Aber für Claudel gilt, was für alle Großen gilt. Wenn man sich in seinen Kosmos hineinbegibt, kann man nur entdecken.

Wie sehr ist Transzendenz wichtig?

Die Frage nach der Seele stellt sich doch in unserer säkularen Zeit kaum mehr. Wir denken zu selten über die Immanenz hinaus. Dabei ist für ein Kollektiv eine ähnliche oder gleiche Jenseitsidee moralisch bindend und daher wichtig. Über diese Überlegungen kamen wir heuer im Schauspielhaus zu Claudel, diesem so widersprüchlichen Autor. „Der Seidene Schuh“ ist das Drama einer sich im Diesseits nicht erfüllenden Liebe und eine ungeheure Abenteuergeschichte. Wir haben dazu ein Format gewählt, das bei uns bisher sehr erfolgreich etabliert wurde – die Serie.

Serien machen süchtig.

Ja! Das Gegenprogramm zum Kino: die Serie als neuer Film. Das wollten wir als Format im Theater erproben. Alle im Haus freuten sich auf diese Herausforderung, die bei Claudel rasch zur Überforderung wird. Wir mussten sehr groß besetzen, nicht nur für unsere Verhältnisse. Wir haben vier Autoren mit der Bearbeitung des Stückes beauftragt. Heute traut sich kaum noch ein Autor, eine historische Matrize zu verwenden.

Demnächst kommen drei Ur- und zwei Erstaufführungen. Sind das Nachgedanken zu Claudel? Kontrapunkte?

Ein bisschen kontrapunktisch ist es schon, aber die Erkundung der Seele wird fortgesetzt.

Erst- und Uraufführungen

Termine im Schauspielhaus 2013:Christoph Nußbaumeders „Meine gottverlassene Aufdringlichkeit“ (11.1.), „Luft aus Stein“ von Anne Habermehl (17.1.), „Ich war nie da“ von Lukas Linder (14.2.). Felicitas Brucker spiegelt Iwan Wyrypajews „Illusionen“ mit Sarah Kanes „Gier“ (1.3.). Im April gibt es schließlich Kevin Rittbergers „Plebs Coriolan“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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