Burgtheater Vestibül: Drei Terroristinnen des Glücks

13.01.2013 | 18:43 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Kurz und schmerzlos ist die österreichische Erstaufführung von Laura Naumanns "demut vor deinen taten baby": viel Talent und Lust am Absurden.

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Ein Massaker im Finale, Terrorangst zuvor und eine wunderbare Freundschaft, die daraus entsteht, vor allem aber eine Möglichkeit für drei talentierte junge Schauspielerinnen, eine Stunde lang richtig aus sich rauszugehen, das alles bietet Laura Naumanns Kammerspiel „demut vor deinen taten baby“, das am Samstag im Vestibül des Burgtheaters unter der Regie von Alexander Ratter (*1985) seine österreichische Erstaufführung feierte. (Die Uraufführung gab es im Herbst 2012 in Bielefeld.)

Naumann, Jahrgang 1989, hat bereits früh auf ihre literarischen Fähigkeiten aufmerksam gemacht. Mit 20 erhielt die Leipzigerin für „süßer vogel undsoweiter“ den Münchener Förderpreis. 2011 fiel sie bei den Werkstatt-Tagen des Burgtheaters positiv auf. Nun standen ihr für ihr neues Stück auf der kleinsten Bühne des Burgtheaters drei Schauspielerinnen zur Verfügung, die auf ganz individuelle Weise diesen verspielten Text zum Klingen bringen, der absichtsvoll zwischen Realität und Virtualität changiert. Das ist bei dieser Autorin offensichtlich Programm. Sie gehört zum Theaterkollektiv „machina eX“, das interaktives Drama im Stile von Adventure-Games betreibt.

Was also ist das Abenteuerliche an „demut vor deinen taten“? Drei junge Frauen machen durch Zufall auf einem Flughafen miteinander Bekanntschaft: Lore (Jana Horst), vom christlichen Fanatismus ihrer Mutter frustriert und mit ausgeprägter Neigung zur Aggression ausgestattet, ist eben wieder zurück von einer langen Fernreise. Die rustikale Mia (Stefanie Dvorak) arbeitet auf dem Airport. Ihr Tagtraum: Sie lebt in einer Westernstadt, hat ein sprechendes Pferd und schießt gern Leute tot. Bettie schließlich (Liliane Amuat) ist eine propere Blondine, die drastisch viel Verständnis für die Pornosucht ihres „Jungen“ zeigt und tatsächlich auch noch die Naive geben muss.

 

Bombenalarm auf der Flughafentoilette

Die Charaktere werden eingangs auf einem flachen schwarzen Podium quasi im Selbstgespräch entwickelt und vorgestellt. Dann aber geht es rasch zur Sache: Die Frauen müssen aufs Klo, und dort steht ein Koffer, der vom Flughafenpersonal rasch als Bombenkoffer taxiert wird. Lore, Mia und Bettie stehen Todesängste aus, halten zwischen den Kabinen Händchen, schließen sozusagen mit ihren jungen Leben ab. Aber es ist eben nur ein Fehlalarm, und genau der macht ihnen ihr Leben bewusst, lässt sie den Wert von Freundschaft erkennen.

Nun haben die drei eine Mission. Alle Menschen sollen mit ihrer Hilfe erkennen, was wirklich wichtig am Dasein ist. Sie spielen Terror, erst in Clubs, dann auf einer Hochzeit, schließlich im Supermarkt. Tatsächlich haben sie mit ihrem Glück bringenden Aktionismus so viel Erfolg, dass Politik und Wirtschaft auf sie aufmerksam werden und sie instrumentalisieren, schließlich sogar ganz makaber manipulieren. Mehr und mehr rutscht der Text ins Absurde, den Protagonistinnen, einer aparten Mischung aus „Drei Engel für Charlie“ und Pussy Riot, gerät die Situation außer Kontrolle. Ihre Frohbotschaft des Terrors hat die Menschen leichtlebig gemacht. Die kündigen in Massen Versicherungen und Jobs, holen die Alten und Kinder heim, setzen total aufs Aussteigen.

 

Schwer bewaffnet bei der Fußball-WM

So ist kein Staat zu machen. Die Mächtigen schicken die Mädchen auf eine letzte, unmögliche Mission. Schwer bewaffnet kämpfen sie sich ins Finale. Das findet ausgerechnet bei einer Fußball-WM statt. Schreiduelle, Hysterie, Zwist. Game over? Weil der Kapitalismus so kalt und die Realität ohnehin nur virtuell ist? Das können nur Pessimisten glauben. Schließlich wird am Ende von den drei toten und zugleich gar nicht toten Erzählerinnen sogar ein fröhliches Hallelujah geträllert. Leichtfertige Optimisten sehen an diesem Abend ohnehin nur das Angenehme: alles nur schöner Schein.

Ratter hat fast diskret inszeniert, ohne viel Schnickschnack, der von diesem fetzigen Text nur ablenken würde. Horst entwickelt den Hang zum Tragischen, Amuat pflegt mit leichter Verschrobenheit ihre komödiantischen Tugenden und Dvorak, sehr wach und präsent, leistet sich souverän Lokalkolorit, allein schon durch ihren Wiener Zungenschlag. Die drei Schauspielerinnen sind fast durchwegs gut aufeinander abgestimmt, mühelos bewältigen sie diese flotte Erzählung und setzen sie szenisch um. Nur manchmal übertreiben sie beinahe so sehr wie die Figuren, die sie darstellen. Als Terroristinnen kratzen sie ein wenig an der vierten Wand, konfrontieren das Publikum, sprechen es kurz an und nehmen mit diesem Handstreich das ganze Vestibül als Geisel. Aber auch das war doch nur Spaß!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2013)

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