Eurydike gefällt es in der Unterwelt

18.01.2013 | 18:35 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Die Erstaufführung von Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“ zeigt komplexe Heldinnen. Regisseur Matthias Hartmann setzt auf Überfluss an Bildern.

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Die Autorin Elfriede Jelinek gilt als scheu. Vielleicht liegt auch darin ein Grund, dass die rare Nobelpreisträgerin für Literatur bei Inszenierungen ihrer Stücke immer wieder thematisiert wird: Da trägt eine Person im Stück eine Perücke mit angeblich typischem Haarstil, da tritt eine Vagina auf, die Elfriede gerufen wird, sogar in Videos gibt es auf der Bühne gelegentlich Anspielungen auf die Dramatikerin. Das sorgt meist sogar für Lacher aus der Meute.

Bei der österreichischen Erstaufführung von „Schatten (Eurydike sagt)“ im Akademietheater räumt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ihr in seiner Inszenierung einen prominenten Platz ein: Jelinek wird zur grell geschminkten, dick bebrillten, faltigen Puppe mit der bekannten Frisur (Knödel oben, langes, verzopftes Haar), die, von Puppenspieler Nikolaus Habjan geführt, mit einem Manuskript in der Hand meist an der Rampe mitverfolgt, wie sich die Geschichte der armen, von der Schlange zu Tode gebissenen Eurydike in der Unterwelt entwickelt. Die Puppe kann zufrieden sein. Der dichte Text wurde am Donnerstag in einem reichhaltigen, 90-minütigen, atemlosen Spektakel aufgelöst, das Publikum klatschte herzhaft, besonders auch, als sich Habjan verneigte.

Zurecht wurde gejubelt, denn der Text ist eine sinnreiche Variante des antiken Vorbilds. Der Stoff hat früh zur Operette verleitet. Waldnymphe Eurydike stirbt am Gift. Ihr Gatte Orpheus (Lucas Gregorowicz) folgt ihr in die Unterwelt, will sie zurückholen, erbarmt die Geister mit seinem Gesang. Aber, ach! Der Mann verbockt es, dreht sich nach der Jammernden um, die nichts von der Spielregel weiß, dass er sie erst oben im Licht erkennen darf. Das bietet Gelegenheit zur Farce. Böse Buben drehen sich mutwillig um und sind so die Alte endgültig los, bei Jelinek aber will Eurydike gar nicht mehr hoch. Sie mag es dort unten bei den Schatten, sie ist eine lebensmüde Verweigernde: „Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben“, prangt leuchtfarbenrot als Zitat auf dem schwarzen Einband des Programmheftes. Wir wissen es wohl: Diese Schattenfrau meidet krankhaft den Kontakt.

 

Sieben Frauen, eine Puppe und ein Gockel

Wie sieht ihr Umfeld aus? Links ein Steinbruch und eine Kleiderpuppe, Kleidertüten, dahinter ein Screen, in der Mitte durch Seile angedeutete Räume und ein Monitor, dahinter eine Treppe wie bei einer TV-Show, rechts eine Wiese, weiter hinten ein Affenkostüm. Müll. Hartmann mag Überfluss an Bildern, sein Ausstatter Johannes Schütz hat dieser synkretistischen Eigenart voll entsprochen. In der Fülle aber ist dem Regisseur auch eine tolle Idee gekommen: Eurydike ist nicht ein, sind nicht zwei, nicht drei Wesen. Sie wird von sieben Frauen komplex dargestellt, die ihren Monolog über Phobien, Einsamkeit, Sex, Verachtung und ein bisschen Liebe abspielen. Was für ein Glück, solch ein Septett an Darstellerinnen zur Verfügung zu haben. Christiane von Poelnitz führt als eine Art Ur-Eurydike, die mit den Schlangen spielt, den Chor der Kreischenden an. Ihr Sänger, der als Schnulzen-Monster schamlos grelle Selbstverliebtheit bestätigt, hat Angst vor Teenie-Girls. O Orpheus singt! O schräger Ton im Ohr! Und alles kreischt. Doch selbst aus diesem Kreischen ging neuer Reiz aus Jelineks Tiraden vor.

Helle Angst! Einmal flüchten die Frauen gar in die Kantine, wie ein Video dokumentiert. Sie hyperventilieren um die Wette. Yohanna Schwertfeger müht sich auf dem Laufband ab und schreit, wenn sie dabei zurückfällt, Katharina Lorenz stößt beim Shopping-Wahn spitze Lust aus, Alexandra Henkel therapiert ihre Ex-Beziehung mit feministischer Verve, Sabine Haupt liefert dazu mit Bart, Brille und Kindchen-Lauten als Freud-Imitation die Tiefenpsychologie für die Lust am Abtauchen. Rumms! Haut sie mit dem Hammer auf den Monitor – schon sieht man den Seelendoktor oder gar einen echten Atompilz. Wie gesagt, Hartmann sorgt zwanghaft dafür, dass die Bilderflut nie versiegt. Er übertreibt schamlos. Denn oft würde es einfach genügen, Brigitta Furglers tieftrauriger Stimme und der reinen Poesie zu lauschen, oder der subtilen Kunst von Elisabeth Augustin, die mit Blindenbrille durchs Dunkle tappt, um das Schicksal der Verlassenen auf den Punkt zu bringen. Am schönsten findet frau es, nicht da zu sein. Nächste Termine: 20., 25., 30. 1., 10., 19., 20. 2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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1 Kommentare

Wer Langeweile und viel Zeit hat, der möge sich damit quälen ...


Ich liebe Neues, bin offen für neue Zugänge und Blickwinkel in allen Lebenslagen.

Nur die krampfhaften immer leidenden und beleidigten Jelinek'schen Gewurschtel, die - in welcher Aufführung auch immer - eher an ein Happening der 60iger Jahre erinnern, nerven alleine durch den Versuch ins Unverständliche Genialität hinein interpretieren zu wollen.

Vermutl. muss man sein Heimatland öffentlich lange, intensiv und wehleidig genug vor allem für für seine Vergangenheit, aber auch die Gegenwart kritisieren, damit man als besonders genial gilt, oder damit einfach nur das schlechte Gewissen der Masterminds aktivieren.

Bei immer wiederkehrenden Attacken dieser Frau frage ich mich, warum sie eingentlich noch da lebt.




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