Schauspielhaus: Tücken theatralischer Gehirnforschung

20.01.2013 | 19:24 |  BARBARA PETSCH (Die Presse)

"Luft aus Stein" von Anne Habermehl über die letzten Fragen: ein ambitioniertes Drama, aber etwas wirr.

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Woher kommen wir, wohin gehen wir? Was macht die Substanz unserer Existenz, unseres Hirns, unserer Seele aus? Geistes- und Naturwissenschaften suchen Antworten auf diese Fragen, aber auch die Kunst. Das Wiener Schauspielhaus, das sich heuer mit Denkmodellen in einer säkularen Gesellschaft befasst, hat der 1981 in Heilbronn geborenen Autorin Anne Habermehl, die in Berlin Szenisches Schreiben studiert hat – also, wie das heute gern gesehen wird, eine ausgebildete Fachfrau in ihrem Metier ist –, einen Stückauftrag erteilt.

Habermehl hat in Kunst und Wissenschaft umfangreich recherchiert und sich wohl auch bei ihrem längeren Aufenthalt in Wien von Freuds Geburtsstadt inspirieren lassen. Ihre Figuren reisen durch die Zeit, vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart, sie nehmen immer neue Gestalt an, ähneln einander doch im Kern und kommen nicht vom Fleck. Hier geht es aber nicht um eine „esoterische“ Seelenwanderung, sondern um das, was von einer Generation an die andere weitergegeben wird. Auf welchem Weg, bleibt offen. Der Zugang erinnert ein wenig an den Beginn von „Middlesex“, Jeffrey Eugenides' Roman über seine griechische Familiengeschichte zwischen Izmir/Smyrna und Amerika: Spermien, Eizellen rasen durch den Kosmos; wo werden sie vor Anker gehen? Was konstituiert das Individuum?

„Ich stelle keine Diagnosen mehr“, sagt zu Beginn von „Luft aus Stein“ ein Arzt. Seine These: Viele Krankheiten sind ausgerottet. Das Immunsystem kämpft gegen sich selbst. „Homöopathie, Katholizismus, Ganzheitlichkeit“ ausprobiert und immer noch keinen Frieden gefunden? Was jetzt? Es drohen Burn-out, Depression. Die Handlung ist sprunghaft: Ein deutscher Antibiotika-Forscher wird 1943 eingezogen, schwer versehrt kehrt er aus dem Krieg zurück. Die Frau, mit der er kurz vor seiner Abfahrt eine Tochter gezeugt hat, erträgt ihn nicht mehr und wirft ihn hinaus. Die Tochter sucht ihren Bruder, die beiden werden ein Liebespaar, bei einem schweren Unfall verliert sie ihr Gedächtnis. Ihre Mutter kann ihr nicht helfen. Eine andere Frau ist mit ihrer Tochter knapp dem KZ entronnen und kommt über dieses Erlebnis nicht hinweg.

 

Atemberaubend: Katja Jung als Mutter

Wie und ob diese Menschen miteinander verknüpft sind, wird wohl bewusst im Unklaren gelassen, was verwirrend wirkt. Mit Interesse folgt man manch klugen Gedanken, ärgert sich aber auch über lange, banale Ein-Satz-Dialoge und vermisst insgesamt Stringenz und Klarheit. Ein rundum packender Theaterabend sieht anders aus, dies ist Stückwerk. Habermehl hat auch inszeniert. Auf das Schauspielhaus-Ensemble kann man sich verlassen. Vor allem Katja Jung entfaltet erneut ihre starke Aura aus ironischem Intellekt und Seelenschmerz, eine seltene Gabe, speziell bei Schauspielern, die vom Regietheater geprägt worden sind.

Max Mayer ist ein überzeugender Arzt und Liebhaber, der das pathetische Erscheinungsbild solcher Figuren aus den 1940er-Jahren originell auffrischt und aktualisiert. Franziska Hackl zeigt große Wandlungsfähigkeit als Hanna – und als Paula, die nach Unfall und Amnesie ein neues Leben beginnt: Was ihr Hirn nicht mehr fasst, sollen ihre tausenden Fotografien festhalten.

„Luft aus Stein“ ist ein erfinderisches Stück, dessen Input allerdings bedeutender zu sein scheint als der Output. Geschichten in Stromlinienform braucht die Bühnenkunst heute nicht mehr – siehe die Textflächen von Elfriede Jelinek. Wer freilich in den weiten Gebirgen der Hirnforschung herumklettert, kann die schlichten Gesetze des Theaters, die sich auch um Wer, Was, Warum drehen, leicht aus den Augen verlieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2013)

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