Theatermuseum: Handkes dramatische Wahrheit

Die kleine, aber reiche und kluge Ausstellung „Die Arbeit des Zuschauers“ im Theatermuseum erzählt fast genauso viel über den Schriftsteller Peter Handke wie über sein Theater.

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(c) APA BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

„Mögen Sie Schauspieler?“ – „Nein.“ – „Was halten Sie vom Theater?“ – „Es ist ein totaler Anachronismus.“ Diese Passage eines 1968 im Programmheft der Uraufführung von „Kaspar“ abgedruckten Ping-Pong-Interviews ist sozusagen die flapsige Beat-Version der tiefen Auseinandersetzung des frühen Handke mit dem Theater, das ihm vor der „Publikumsbeschimpfung“ (1966) „überhaupt auf die Nerven gegangen“ war, wie er zugab.

„Das Theater hat die Möglichkeit, künstlicher zu werden“, schrieb er, ebenfalls 1968, „damit es endlich wieder ungewohnt, unvertraut wird: Es kann den Mechanismus des Zuschauens ausnützen, um ihn durcheinanderzubringen. Bis es so weit ist, gehe ich freilich lieber ins Kino. Aber ein Drehbuch schreibe ich weniger gern als ein Stück. Das Elend des Vergleichens.“

Es wurden sieben Drehbücher (drei davon für Wim-Wenders-Filme) und 20 Theaterstücke. Acht haben Klaus Kastberger und Katharina Pektor ausgesucht – und nach bewährtem Beatles-Schema („Rotes Album“, „Blaues Album“) auf zwei Zimmer aufgeteilt: hier die frühen Stücke, dort die späten. Im Hof steht ein Apfelbaum: Die Kuratoren haben ihn gepflanzt, als könne man um ihn „Immer noch Sturm“ inszenieren, mit der Regieanweisung „ein Apfelbaum, behängt mit etwa 99 Äpfeln“. Besucher können Äpfel mitnehmen, hier könnte man die Qualität verbessern, den Früchten fehlt es an Säure.

Im Zeichen des Wanderstabes

Sonst passt alles in dieser Ausstellung. Fast alles. „Sie sehen keine Gegenstände, die andere Gegenstände vortäuschen“, hieß es in der „Publikumsbeschimpfung“. In der Ausstellung sieht man einen Einbaum (noch in Jugoslawien gefertigt, wie man erfährt), darauf ein altes, zu altes Tonbandgerät. Will sagen: Das Stück „Die Fahrt im Einbaum“ befasst sich mit der Schwäche der Medien. Die Metapher ist ein bisschen zu plump.

Der Wanderstab, der am Eingang steht, ist dagegen einfach ein Wanderstab. Freilich der Wanderstab Peter Handkes und das Motiv des Plakats für die Uraufführung des wortlosen Stücks „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Doppelt aufgeladen also. „Die Doline der drei Sonnenblumen“ hat Handke in den Stab geritzt, man findet diese Landschaft im Roman „Die Wiederholung“. Wer die Spuren des Dichters zumindest virtuell verfolgen will, für den liegen Landkarten in den Vitrinen, von der Socialistična Republika Slovenija, von Serbien und von Österreich, auf denen Handke seine Wanderungen eingetragen hat. 1980 wanderte er ins Liesertal, wo gerade der letzte Abschnitt der Tauernautobahn fertiggestellt wurde: Die düsteren, meist menschenleeren Polaroids, die er dort schoss, waren Material für das Stück „Über die Dörfer“.

Letzte Station der Wanderung durch die Ausstellung ist Handkes Heimat, sind seine Recherchen für „Immer noch Sturm“. „Vorerst Grüße von der Sippschaft“, so beginnt ein Brief, er endet mit „Es grüßt dich nochmals die Sippschaft“. Langsame Heimkehr, vorläufig letzte Station.
Davor musste Handke sich mit anderen Sippschaften, anderen Heimaten befassen. Bei den Materialen zur „Fahrt im Einbaum“ findet sich auch das Manuskript seiner umstrittenen Rede beim Begräbnis des von der UNO wegen Kriegsverbrechen angeklagten serbischen Politikers Milošević. Darin heißt es: „Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle mich. Ich erinnere mich. Ich frage.“

Die Wahrheitssuche als rituelle Selbstbefragung, als theatralischer Akt? Auf die Frage, wie man das Besondere an Handkes Theater knapp fassen könne, habe er eine Antwort, sagt Kastberger: „Sein absoluter Wahrheitsanspruch.“

Automatenfotos im Fotoautomaten

Klingt wie ein Widerspruch. Mögliche Lösung: Die Suche selbst muss schon wahrhaftig sein. Wie geht das? „Literatur ist für mich lange Zeit das Mittel gewesen, über mich selber, wenn nicht klar, so doch klarer zu werden“, lautete der berühmte Anfangssatz von „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“. Diesen Geist trifft eine Installation in der Ausstellung: ein Fotoautomat, in dem Handkes Automatenfotos hängen und man ihn hört, wie er seine Princeton-Rede über „Beschreibungsimpotenz“ hält, mit seinem fast unhörbaren Kärntner Akzent, mit seiner typischen angriffigen Schüchternheit.

Das ist eine schöne Station. Noch schöner ist das Schlussbild des „Publikumsbeschimpfung“-Videos: Während die Invektiven prasseln („ihr Protze, ihr Niemande, ihr Dingsda“) zoomt die Kamera in das Gesicht eines Mädchens mit dickrandigen Sonnenbrillen. Sie sieht genauso aus wie eines der kreischenden, schreienden Mädchen in den kanonischen Beatles-Dokumentationen. Aber sie lächelt nur, fast versonnen, ein Jemand. Das ist Pop, das ist Theater.

Handkes dramatisches Werk

Die frühen Stücke sind vor allem Sprachspiele: „Publikumsbeschimpfung“, „Selbstbezichtigung“, „Weissagung“ (1966), „Hilferufe“ (1967) und „Kaspar“ (1968). Es folgten „Das Mündel will Vormund sein“ (1969), „Quodlibet“ (1969), „Der Ritt über den Bodensee“ (1970), „Die Unvernünftigen sterben aus“ (1973), dann eine Pause.
Erst 1981 folgte das „dramatische Gedicht“ „Über die Dörfer“. Handkes jüngste Stücke sind „Immer noch Sturm“ (2010) und „Die schönen Tage von Aranjuez“ (2012).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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