Theatermuseum: Handkes dramatische Wahrheit

31.01.2013 | 16:53 |  Von Thomas Kramar (Die Presse)

Die kleine, aber reiche und kluge Ausstellung „Die Arbeit des Zuschauers“ im Theatermuseum erzählt fast genauso viel über den Schriftsteller Peter Handke wie über sein Theater.

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„Mögen Sie Schauspieler?“ – „Nein.“ – „Was halten Sie vom Theater?“ – „Es ist ein totaler Anachronismus.“ Diese Passage eines 1968 im Programmheft der Uraufführung von „Kaspar“ abgedruckten Ping-Pong-Interviews ist sozusagen die flapsige Beat-Version der tiefen Auseinandersetzung des frühen Handke mit dem Theater, das ihm vor der „Publikumsbeschimpfung“ (1966) „überhaupt auf die Nerven gegangen“ war, wie er zugab.

„Das Theater hat die Möglichkeit, künstlicher zu werden“, schrieb er, ebenfalls 1968, „damit es endlich wieder ungewohnt, unvertraut wird: Es kann den Mechanismus des Zuschauens ausnützen, um ihn durcheinanderzubringen. Bis es so weit ist, gehe ich freilich lieber ins Kino. Aber ein Drehbuch schreibe ich weniger gern als ein Stück. Das Elend des Vergleichens.“

Es wurden sieben Drehbücher (drei davon für Wim-Wenders-Filme) und 20 Theaterstücke. Acht haben Klaus Kastberger und Katharina Pektor ausgesucht – und nach bewährtem Beatles-Schema („Rotes Album“, „Blaues Album“) auf zwei Zimmer aufgeteilt: hier die frühen Stücke, dort die späten. Im Hof steht ein Apfelbaum: Die Kuratoren haben ihn gepflanzt, als könne man um ihn „Immer noch Sturm“ inszenieren, mit der Regieanweisung „ein Apfelbaum, behängt mit etwa 99 Äpfeln“. Besucher können Äpfel mitnehmen, hier könnte man die Qualität verbessern, den Früchten fehlt es an Säure.

Im Zeichen des Wanderstabes

Sonst passt alles in dieser Ausstellung. Fast alles. „Sie sehen keine Gegenstände, die andere Gegenstände vortäuschen“, hieß es in der „Publikumsbeschimpfung“. In der Ausstellung sieht man einen Einbaum (noch in Jugoslawien gefertigt, wie man erfährt), darauf ein altes, zu altes Tonbandgerät. Will sagen: Das Stück „Die Fahrt im Einbaum“ befasst sich mit der Schwäche der Medien. Die Metapher ist ein bisschen zu plump.

Der Wanderstab, der am Eingang steht, ist dagegen einfach ein Wanderstab. Freilich der Wanderstab Peter Handkes und das Motiv des Plakats für die Uraufführung des wortlosen Stücks „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Doppelt aufgeladen also. „Die Doline der drei Sonnenblumen“ hat Handke in den Stab geritzt, man findet diese Landschaft im Roman „Die Wiederholung“. Wer die Spuren des Dichters zumindest virtuell verfolgen will, für den liegen Landkarten in den Vitrinen, von der Socialistična Republika Slovenija, von Serbien und von Österreich, auf denen Handke seine Wanderungen eingetragen hat. 1980 wanderte er ins Liesertal, wo gerade der letzte Abschnitt der Tauernautobahn fertiggestellt wurde: Die düsteren, meist menschenleeren Polaroids, die er dort schoss, waren Material für das Stück „Über die Dörfer“.

Letzte Station der Wanderung durch die Ausstellung ist Handkes Heimat, sind seine Recherchen für „Immer noch Sturm“. „Vorerst Grüße von der Sippschaft“, so beginnt ein Brief, er endet mit „Es grüßt dich nochmals die Sippschaft“. Langsame Heimkehr, vorläufig letzte Station.
Davor musste Handke sich mit anderen Sippschaften, anderen Heimaten befassen. Bei den Materialen zur „Fahrt im Einbaum“ findet sich auch das Manuskript seiner umstrittenen Rede beim Begräbnis des von der UNO wegen Kriegsverbrechen angeklagten serbischen Politikers Milošević. Darin heißt es: „Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle mich. Ich erinnere mich. Ich frage.“

Die Wahrheitssuche als rituelle Selbstbefragung, als theatralischer Akt? Auf die Frage, wie man das Besondere an Handkes Theater knapp fassen könne, habe er eine Antwort, sagt Kastberger: „Sein absoluter Wahrheitsanspruch.“

Automatenfotos im Fotoautomaten

Klingt wie ein Widerspruch. Mögliche Lösung: Die Suche selbst muss schon wahrhaftig sein. Wie geht das? „Literatur ist für mich lange Zeit das Mittel gewesen, über mich selber, wenn nicht klar, so doch klarer zu werden“, lautete der berühmte Anfangssatz von „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“. Diesen Geist trifft eine Installation in der Ausstellung: ein Fotoautomat, in dem Handkes Automatenfotos hängen und man ihn hört, wie er seine Princeton-Rede über „Beschreibungsimpotenz“ hält, mit seinem fast unhörbaren Kärntner Akzent, mit seiner typischen angriffigen Schüchternheit.

Das ist eine schöne Station. Noch schöner ist das Schlussbild des „Publikumsbeschimpfung“-Videos: Während die Invektiven prasseln („ihr Protze, ihr Niemande, ihr Dingsda“) zoomt die Kamera in das Gesicht eines Mädchens mit dickrandigen Sonnenbrillen. Sie sieht genauso aus wie eines der kreischenden, schreienden Mädchen in den kanonischen Beatles-Dokumentationen. Aber sie lächelt nur, fast versonnen, ein Jemand. Das ist Pop, das ist Theater.

Handkes dramatisches Werk
Die frühen Stücke sind vor allem Sprachspiele: „Publikumsbeschimpfung“, „Selbstbezichtigung“, „Weissagung“ (1966), „Hilferufe“ (1967) und „Kaspar“ (1968). Es folgten „Das Mündel will Vormund sein“ (1969), „Quodlibet“ (1969), „Der Ritt über den Bodensee“ (1970), „Die Unvernünftigen sterben aus“ (1973), dann eine Pause.
Erst 1981 folgte das „dramatische Gedicht“ „Über die Dörfer“. Handkes jüngste Stücke sind „Immer noch Sturm“ (2010) und „Die schönen Tage von Aranjuez“ (2012).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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5 Kommentare

Dramatische Wahrheit

Früher, ein Rebell.
Heutzutage umarmt er den österreichischen Bundespräsidenten.

Was du der Dichter mir angetan

Die Milošević-Brut ist meine Wut, die noch heute in mir nachwirkt. Sein absonderliches Wohlwollen für (...) Massenmörder, ist eines seiner vielen Charakterrätsel.

Ist (...) gemeint

Er will es halt nicht zur Kenntnis nehmen
Wie die ein ganzes Volk verarschten
Reingelegt der Dichter
Ja selbst auch gut Freund mit der Mischpoche
Mit finsteren Gesellen mit diesem
Lumpengelichter
Was hast du mir angetan
Du mein Dichter


Re: Was du der Dichter mir angetan

- oh mein Gott !!! schon wieder dieser eitle, dumbe Selbstdarsteller > "Schlitzohr" ???

Re: Re: Was du der Dichter mir angetan

Die absolute Deutschlieblichkeit ist der "dumbe" Selbstdarsteller.

@projektraum Bitte, tun sie mir und unserer Rasse einen Gefallen und ersticken sie nicht an ihrer misstönenden Geistesträgheit!?!

Bitte, tun sie mir und unserer Rasse einen Gefallen und ersticken sie nicht an ihrer misstönenden Geistesträgheit!?!
Mit Puppen reden
Ich rede bisweilen mit Menschen so, wie das Kind mit seiner Puppe redet: es weiß zwar, dass die Puppe es nicht versteht; schafft sich aber, durch eine angenehme wissentliche Selbsttäuschung, die Freude der Mitteilung.
Schopenhauer

Beim Propheten / Thomas Mann

Seltsame Orte gibt es, seltsame Gehirne,
Seltsame Regionen des Geistes, hoch und ärmlich.
An den Peripherien der Großstädte, dort, wo die Laternen spärlicher werden und die Gendarmen zu Zweien gehen, muss man in den Häusern emporsteigen, bis es nicht weiter geht, bis in schräge Dachkammern, wo junge Genies, Verbrecher des Traumes, mit verschränkten Armen vor sich hinbrüten.
Bis in billig und bedeutungsvoll geschmückte Ateliers, wo einsame, empörte und von innen verzehrte Künstler, hungrig und stolz, im Zigarettenqualm mit letzten und wüsten Idealen ringen.
Hier ist das Ende, das Eis, die Reinheit und das Nichts. Hier gilt kein Vertrag, kein Zugeständnis, keine Nachsicht, kein Maß und kein Wert.
Hier ist die Luft so dünn und keusch, dass die Miasmen des Lebens nicht mehr gedeihen. Hier herrscht der Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende ICH, die Freiheit, der Wahnsinn und der Tod...


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