Festwochen: Ja, was wäre Wien ohne Regen?

Die Eröffnung der Festwochen trug das Motto "Wien, Wien, nur du allein?": Eine klug programmierte Revue.

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waere Wien ohne Regen
waere Wien ohne Regen – (c) ORF (Hans Leitner)

In Wien, so sagt man, ist etwas schon nach dem zweiten Mal längst Tradition. In diesem Sinn ist es längst Tradition, und zwar eine gute, dass zum Abschluss der Eröffnung der Wiener Festwochen alle Mitwirkenden gemeinsam einen Song von Bob Dylan singen. 2009 war es „Forever Young“, das ja Wolfgang Ambros und André Heller schon 1982 zum Wienerlied gemacht haben, heuer war es „I Shall Be Released“, mit viel Sprachgefühl übertragen von Ernst Molden, bei dem man gern weitere Dylan-Übersetzungen in Auftrag geben würde – wie wär's mit „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“? Kann Mobile zu Erdberg werden?

„I Shall Be Released“ hat er jedenfalls als „Daun bin i ealösd“ übersetzt – völlig richtig, denn Bob Dylan hat viele Lieder über Befreiung geschrieben, dies aber ist eines über Erlösung, auch wenn es Moderator Nikolaus Ofczarek eine „Hymne über die Freiheit“ genannt hat.

Womit wir bei einem Schwachpunkt des Abends wären: Ofczarek ist in vielen Rollen vom Jedermann bis zum Liliom ein großer Darsteller, als Moderator eines Wienerliedabends eignet er sich nicht: Dazu spricht er zu sehr mit dem Brustton des Schauspielers, dazu ist sein Timbre zu „patzig“, wie der Wiener sagt, er wirkt zu laut, Nuancen im Ausdruck gelingen ihm kaum, ob er von Tragischem oder Komischem spricht, man hört es nicht. Viel besser wäre es gewesen, wieder Willi Resetarits zu verpflichten, der sich 2009 in dieser Rolle so bewährt hat, dass manche ihn zum „legitimen Erben von Heinz Conrads“ erklärt und das ganz und gar nicht böse gemeint haben. Dann wäre auch das schon gute Tradition...

Kroatisches Volkslied. Mit von der Partie war Resetarits natürlich, etwas anachronistisch in einen Palästinenserschal gehüllt. Doch spätestens als er das kroatische Volkslied „Lipo Ti Je Cûti“ zu einem wunderbaren Chorarrangement sang, war die Rührung unaufhaltbar: Er habe diese Klage einer Mutter, deren Sohn im Krieg ist, schon pränatal gesungen, zweistimmig mit seiner Mutter, erzählte er und erklärte, dass Wien die größte Stadt der Burgenlandkroaten ist, noch vor Chicago. Schön jedenfalls, dass bei einem Wienerliedabend heute ganz selbstverständlich ein kroatisches Lied auf dem Programm steht.

Bewegend auch Resetarits' zarte Interpretation des Artmann-Gedichts „Alanech fia dii“. Es ist traurig, dass in den Wiener Buchhandlungen derzeit fast gar keine Artmann-Taschenbücher erhältlich sind (sogar „The Best of H. C. Artmann“ ist vergriffen!), dabei hat dieser große Poet aus Breitensee dem Wiener Dialekt (aber auch der Hochsprache) ganz neue feine Nuancen entlockt.

Georg Kreisler ist ein weiterer Dichter, dessen Werk bei einem solchen Anlass nicht fehlen darf. Diesmal war es das ruppige „Geben Sie acht“, zu behändem Jazz schön trocken gesungen von Fatima Spar. Das böse „Was wäre Wien ohne Wiener?“ oder das bittersüße „Der Tod, der muss ein Wiener sein“ hätte sich aufgedrängt, aber genau das war eine Qualität dieses Programms: dass es nicht (nur) das Naheliegende brachte.

Am ehesten noch im „klassischen“ Bereich: Das 1912 von Rudolf Sieczyński (der kein „polnischer Immigrant“ war, wie Ofczarek sagte, sondern „nur“ von solchen abstammte) komponierte „Wien, du Stadt meiner Träume“ musste einfach sein, Angelika Kirchschlager und Michael Schade sangen es mit viel Herz, Schade vielleicht mit etwas gar zu großem Gestus. Franz Lehárs „Freunde, das Leben ist lebenswert“ – mit dem Text vom 1942 in Auschwitz erschlagenen Dichter Fritz Löhner-Beda – war überschwänglich, „Schön ist so ein Ringelspiel“ (von Hermann Leopoldi und Peter Herz), wie sich's gehört, eine schlichte Hetz.

Ernst Moldens Stadtlandschaften. Stark vertreten war das in den letzten Jahren florierende neue Wienerlied, dessen sprachempfindlichster Texter Ernst Molden ist, ein Mann mit großem Gefühl für äußere und innere Stadtlandschaften: Er brachte sein bedrückendes Lied über die Wiener Flaktürme, begleitet vom höchst subtil zwischen Wehmut und Überschwang changierenden Ensemble „Stubnblues“, Walther Soyka, Klemens Lendl und Ursula Strauss. Deren Interpretation von „I hab' kan Zins no zahlt“ war ein wenig zu lieblich und bemüht, kam nicht an die Version von Maly Nagl heran, aber wer kommt schon an sie heran? Schließlich hat sie ja noch im alten Wien gesungen...

Ja, das alte Wien. Das war immer vergangen, nie gegenwärtig, das haben wir längst gelernt. Gut, dass sich das Programm weder auf die Beschwörung noch auf die Entlarvung dieses Ideals verließ. Und auch das Klischee des angeblich immer raunzenden Wieners bestenfalls in Nebensätzen bediente. Dabei wäre wettermäßig einiges zum Raunzen gewesen an diesem Abend! Wir müssen darauf bestehen: Das nächste Mal haben die zuständigen Instanzen diesen unsympathischen Regen gefälligst vom Rathausplatz fernzuhalten. Dann passt (fast) alles.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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