Salzburger Festspiele: Der Zeremonienmeister der Auferstehung

Wie fruchtbar musikalische Langzeitbeziehungen sein können, das zeigten Mariss Jansons und sein Münchner Orchester, aber auch Bariton Christian Gerhaher und Pianist Gerold Huber.

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Christian Gerhaher, Archivbild
Christian Gerhaher, Archivbild – APA/Hans Jörg Michel / Theater a

Aufregende musikalische One-Night-Stands oder geordnete Langzeitbeziehungen, was zeitigt bessere Resultate? Eine letztlich unbeantwortbare Frage, die noch dazu davon abhängt, wie man „besser" definiert. Wer heute nach einem energiegeladenen Auftritt der Chef-abstinenten Wiener Philharmoniker ein Plädoyer für Variante eins hält, kann morgen schon nach einer intensiv musizierten zweiten Mahler mit dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter seinem seit 2003 amtierenden Chef Mariss Jansons vom Gegenteil überzeugt sein.

Die Salzburger Festspiele lieferten zwei eindrückliche Beweise dafür, was erreichbar ist, wenn man einander nach vielen Jahren blind vertraut und versteht: zweitens beim Liederabend von Bariton Christian Gerhaher mit Pianist Gerold Huber am Donnerstag, erstens bei den zwei Konzerten eben jener Bayern mit Jansons. Dieses Einvernehmen zwischen dem Dirigenten und seinem so präzise agierenden und damit höchste Transparenz erlaubenden Orchester ist spürbar, noch bevor Jansons zum ersten Einsatz anhebt, es zeigt sich gerade auch dann, wenn er gelegentlich den Taktstock sinken lässt für ein paar lange Sekunden. Freilich hat er das Geschehen bei dieser Zweiten Mahler immer unter Kontrolle. Vom ersten, wie eine Urgewalt hereinbrechenden Todesschrecken der tiefen Streicher bis zur strahlenden Auferstehung hält er mit seinem jeder kleinsten Bewegung folgenden Orchester die Partitur unter Hochspannung.

Genia Kühmeier und ihr Edelsopran

Noch die kleinste Figur erhält ihren Sinn fürs große Ganze, wie ein versierter Baumeister verleiht Jansons dem Plan des Architekten Mahler Gestalt. Sehr flüssig musiziert er dessen Zweite, so andante hat man etwa das Andante moderato selten gehört, der dritte Satz mit seinen morbiden Holzbläserfiguren wird zum unentrinnbaren Totentanz. Altistin Gerhild Romberger hat etwas Mühe, beim Urlicht vom Solistenplatz durchs Orchester zu dringen, besser ergeht es dem rein und hell tönenden Edelsopran Genia Kühmeiers. Ein Klang gewordener Triumph über den Tod, an dem der Rundfunkchor erklecklichen Anteil hatte.

Im intimeren Rahmen des Mozarteums ein ähnliches Schauspiel: Gerhaher und Huber waren angetreten, das Publikum mit Schumann-Liedern, zentral der „Dichterliebe", zu erschüttern. Auch hier war von Beginn an spürbar, wie perfekt man aufeinander eingespielt ist. Huber agiert dabei als selbstbewusster, ebenbürtiger Partner: Entscheidende Impulse kommen an diesem Abend vom Flügel, selten wird so deutlich, wie sehr ein Liederabend vom Vermögen des Pianisten abhängt, binnen Takten Atmosphäre zu kreieren. Gerhaher wurde in der Pause wegen eines Infekts angesagt - was er später zurücknahm: „Es geht mir nicht ganz gut, so schlecht aber auch nicht." Tatsächlich wirkte seine Stimme im ersten Teil und vor allem bei den sechs Gesängen op 107 beeinträchtigt. Er blieb trotzdem kompromisslos und riskierte manch waghalsiges Piano in Regionen, wo die Stimme auch einmal wegbrechen kann. Aber wer viel wagt, gewinnt auch viel: eine Schumann-Darstellung, in der das Existenzielle der Normalfall war.

Allergie gegen Pathos

Kompromisslos bei Schumann zeigte sich tags zuvor auch Pianist Till Fellner, der kurzfristig für den erkrankten Evgeny Kissin eingesprungen war. Der Österreicher hat eine gesunde Allergie gegen dick aufgetragenes Pathos und musiziert die Symphonischen Etüden nebst der fünf eingelegten Variationen aus dem Nachlass mit bezwingender Geradlinigkeit. Die Wirkung ist deswegen nicht geringer, im Gegenteil, Fellner gibt dem Notentext so die Möglichkeit, mehr durch seine Substanz als durch seine glänzende Oberfläche zu wirken. Ganz abgesehen davon, dass man bei diesem Zyklus selten so viele richtige Noten gehört hat: Fellner meistert die außerordentlichen technischen Anforderungen wie nebenbei und steht nachher auf, als wäre nichts gewesen. Wem solche Einspringer zur Verfügung stehen, der hat wahrlich ein Luxusproblem!

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2013)

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