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Sarastros Priesterwelt: Eine naturwissenschaftliche Community

Bild: (c) EPA (STEPHEN CHERNIN) 

Ein weibliches Regieteam inszeniert die "Zauberflöte": erfolgreich, wenn man die zeitgeistige Prämisse akzeptiert, dass jede priesterliche Feierlichkeit tabu ist.

 (Die Presse)

Die Balance zwischen Feierlichkeit und Komödie ist eine Herausforderung für jede „Zauberflöten“-Regie. Seit Jean-Pierre Ponnelles Salzburger Inszenierung 1978 hat es kaum jemand mehr gewagt, Sarastros Priesterwelt in nur halbwegs positivem Licht erscheinen zu lassen. Auch die französische Regisseurin Mariame Clément zeigt sie in Graz als eisige naturwissenschaftliche Community, jedoch ohne plakative Schwarz-Weiß-Malerei.

Mit dem aseptischen Labor im zweiten Teil kontrastiert ein wiesenartig-ungebändigtes Naturtableau zu Beginn, sehr gelungen ist die einleitende, wirklich gruselige Schlangenszene, märchenhaft leicht, am Schluss versöhnlich die Personenführung; und gelungene Pointen ziehen sich durch den komödiantisch und sympathisch erzählten, kurzweiligen Abend. Dass der Priestermarsch, Mozarts vielleicht vergeistigste, sublimierteste und mystischste Musik, mit einem beschwingt tanzenden Raumpflegerinnentrupp choreografiert wird, ist freilich ein billiges Klischee und zählt zu den verstaubten Requisiten des unverhohlen bösartigen Gender-Feminismus.

Dirk Kaftan wählt am Pult der gelöst spielenden Grazer Philharmoniker straffe und spontane Tempi, erzielt ein schlankes und duftiges Klangbild, vermag aber die positive Energie nicht auf die Bühne zu übertragen.

 

Mozart wollte es feierlich

So verpufft die musikalische Gesamtwirkung, an mehrere Szenen zu einem Ganzen fügende Bögen ist nicht zu denken, und rätselhaft bleibt die Umstellung der Szene der drei Knaben mit Pamina im zweiten Akt. Auch musikalisch scheint man auf die Darstellung des Ernst-Feierlichen, das Mozart so wichtig war, in der großartigen Tradition von Furtwängler-Böhm-Karajan von vornherein zu verzichten. „Nicht mehr zeitgemäß!“ Wirklich?

Andrè Schuen als Papageno gelang eine herausragende singuläre Mischung aus vokaler Perfektion, idiomatisch-österreichischer Wortdeutlichkeit und komödiantischem Spiel! Yosep Kang sang als Tamino eine lyrisch-berührende Bildnisarie, Nazanin Ezazi vermittelte als Pamina glaubwürdig Warmherzigkeit und erschütternde Todesbereitschaft. Hila Fahima brillierte als Königin der Nacht mit souveränen Koloraturen, femininer Racheenergie; gepflegt und kultiviert sang Wilfried Zelinka den Sarastro, jedoch über manche Strecken blässlich und darstellerisch ohne Leadership-Punch. Manuel von Senden war ein abgründiger Monostatos (politisch korrekt nicht farbig), tadellos das restliche Sängerensemble. Insgesamt eine erfolgreiche Produktion, wenn man ihre Grundprämisse, die Ausblendung priesterlicher Feierlichkeit, akzeptiert. hasl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2013)

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