Nachruf: Marie Zimmermann, Theatermacherin

19.04.2007 | 17:53 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Die Schauspiel-direktorin der Wiener Festwochen ist am Mittwoch in Hamburg gestorben.

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„Marie Zimmermann, meine Schauspieldirektorin und große Freundin, hat sich nach schwerer Krankheit entschlossen, aus dem Leben zu gehen. Ich und meine Freunde von den Wiener Festwochen sind mit großer Trauer erfüllt.“ So schockiert wie Intendant Luc Bondy reagierten die meisten Kulturschaffenden darauf, dass Zimmermann, die ab Herbst die Ruhr-Triennale hätte leiten sollen, am Mittwoch in Hamburg gestorben ist. Sie litt zuletzt unter Depressionen. Die deutschsprachige Bühne habe eine inspirierende und leidenschaftliche Theatermacherin verloren, sagte ihr Mentor Jürgen Flimm.

Wien wurde von Zimmermann seit 2001 reich beschenkt, mit fantastischem Theater. Diese überaus kluge, souverän wirkende Frau, das sechste Kind einer von der katholischen Jugendbewegung geprägten Aachener Familie, hatte eine generöse Offenheit für das Neue, einen unbestechlichen Blick für Qualität, den sie in mehr als zwanzig Jahren Theaterarbeit schärfte. Zugleich war sie engagiert und kämpferisch.

Zimmermann begann als Dramaturgin in Esslingen und Freiburg, wurde dann Leiterin des Festivals Theaterformen für Braunschweig und Hannover, ging ans Staatstheater Stuttgart. Besonders stolz war sie auf ihr Jahr als Intendantin des „Theaters der Welt“ in Stuttgart, für das sie sich 2005 in Wien karenzieren ließ. Ein heißes Herz, einen kühlen Kopf und eine glückliche Hand müsse ein Theatermacher haben, meinte sie. Diese Eigenschaften besaß sie in der Tat.

Eigentlich zog es Zimmermann nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie zum Journalismus, doch durch ihren späteren Mann, den Intendanten Friedrich Schirmer, der heute das deutsche Schauspielhaus in Hamburg leitet, kam sie zu ihrer Berufung. Zimmermann charakterisierte diese von der Theaterleidenschaft dominierte Beziehung diesen April in einem Interview mit der Illustrierten Brigitte woman: „Friedel wird sehr impulsiv und emotional, und ich werde wie ein Schweizer Messer und ziehe in einen rhetorischen Vernichtungsfeldzug.“ In Retrospektive klingt dieses Gespräch nach Abschied. Die 51-Jährige erzählt darin, dass sie 1992 ein Kind verloren habe, dass sie für ein Kind ihre beruflichen Ambitionen aufgegeben hätte.

Sie ging auf in ihrem Beruf, weit gereist war sie, umfassend gebildet wurde sie dabei. Zimmermann hat ihre großzügige Sicht der Theaterwelt nach Wien gebracht. Das unverstellte Sehen gehörte für diese intellektuelle Frau zum Wesen des Theaters. In einem Interview mit der „Presse“ fasste sie kurz zusammen, was für sie Kritik ausmacht: Die erste Offerte an die Leserschaft sei es „zu schreiben, was man sieht, und daraus plausible Schlüsse zu ziehen, über die man dann streiten kann. Alles andere ist so elend selbstbezüglich – das geht mir bei Theaterleuten wie bei Kritikern schrecklich auf die Nerven.“ Kleinen Geistern begegnete sie mit heiterer Grandezza: „Wir sind total überflüssig. Wir sind der Überfluss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2007)

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