04.07.2009 02:35 | Meine Presse Merkliste0

Von Krieg und Liebe, Geschichte und Identität

10.06.2007 | 18:08 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Biennale Venedig. „Best of“ der dezentralen Pavillons.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Von wegen Globalisierung! Oder vielleicht gerade aufgrund der Globalisierung? Noch nie war das nationale Repräsentationsbedürfnis bei der Biennale Venedig derart groß, 77 Länder schickten ihre Künstler ins Rennen um den Goldenen Löwen, dessen Gewinner heuer erstmals erst gegen Ende der Mega-Ausstellung, im Oktober bekannt gegeben wird.

2005 gewann Frankreich mit Annette Messager, heuer sind einige der interessantesten Pavillons außerhalb der zentralen Giardini zu finden, in den Dutzenden in Venedigs Gässchen zerstreuten Stationen, in nüchternen Hallen, barocken Kirchen und Palazzi, von deren Pracht man sonst nicht einmal einen Blick erhaschen würde. In einen der schönsten, den Palazzo Papodópoli, hat sich die Ukraine mit ungewöhnlichem Programm eingemietet: Man lud nicht nur Künstler des eigenen Landes, sondern auch internationale Stars wie Fotograf Jürgen Teller oder Sam Taylor-Wood ein, sich mit der ukrainischen Identität zu befassen. Das Ergebnis ist marketingtechnisch äußerst erfolgreich, inhaltlich aber eher ziemlich unerschütternd.

Nicht scheuen sollte man heuer den breiten Weg in die hintersten Arsenale-Hallen, wo Italien mit entlarvend perfekt gefälschten US-Präsidenten-Wahlkampfspots (Francesco Vezzoli) und ein bezaubernd poetisches und selbstironisches China warten, das mit vier Video- und Installations-Künstlerinnen wohl ganz bewusst ein Statement gegen die am Markt gerade so gehypten chinesischen Maler gesetzt hat.

Ebenfalls ein kräftiges Signal kommt von den Roma, die heuer erstmals vertreten sind – aus der bunten Mischung unterschiedlichster Qualität stechen die traumatischen blauen Grisaille-Bilder von Omara und Delaine La Bas' sehr persönliche Collagen-Serie „We have a history“ heraus.


Beginnender Krieg, endende Liebe

Einen großen Konflikt auf die private Ebene geholt hat aber am eindringlichsten, weil moralisch bestechend unaufgeregt, Fouad Elkoury aus dem ebenfalls erstmals bei der Biennale teilnehmenden Libanon – vor allem im Vergleich mit den brachialen Antikriegs-Plattitüden der Biennale-Hauptausstellung: Elkourys fotografisch-schriftliches Tagebuch des israelischen Angriffs ist vorrangig eines einer endenden Liebe – seine Freundin will ihn am ersten Tag der Bombardements von Beirut verlassen. Am letzten Tag, den sie gemeinsam von Istanbul aus erleben, weiß sie immer noch nicht, ob sie wirklich gehen wird. Der Krieg läuft nur als Subtext mit, manchmal fast nur zwischen den Zeilen oder zwischen den Aufnahmen von Elkourys direkter, alltäglicher Umgebung. Goldener Löwe! Mindestens.

Bis 21.11., www.labiennale.org

Siehe auch Seite 16

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2007)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Schlagzeilen Kultur